Aus „Die Hunderter“

Am 31. Oktober dieses Jahres erscheint mein neuer Erzählband „Abends am Kamin“ im Verlag Neumann-Neudamm, Melsungen. Als Leseprobe eine Szene aus der längsten Erzählung des Buches über zwei Brunfthirsche.

Am Nachmittag hatte mich der Jager schon für halb vier Uhr zum Treffpunkt beordert. Das ließ wenig Gutes ahnen. Anfangs nahm sich das alles noch recht gemütlich aus, grad so wie am allerersten Abend der leichte Anmarsch zum Sitz unterm Adlerschuss. Aber der Jager bog irgendwann die Böschung hinauf ab und ging bergauf, in einen steilen Lawinengang hinein. Nun gut, wer Schweinsköpf will, muss Hundsköpf dransetzen, und wer ein Hirschhaupt will, der bezahlt es mit seinem Bauchfett. Es war ein Hang, von dem ein jeder Bergjager ins Schwärmen kommt: steil, dass man im Stehen Gras fressen kann – wenn man das mag, ich hab‘s nicht probiert – und lang. Elend lang. Irgendwann glaubte ich, dass es einfach nimmer höher gehen konnte oder besser: dass ich einfach nimmer höher gehen konnte. In den Haxen und im verlängerten Rücken machte jeder Muskel unangenehm genaue Ortsangaben, und mein Schnaufer war längst ein Keucher. An einer winzigen Geländekante unter einem Baum bat ich mit Nachdruck um eine Rast, keilte mein Hinterteil irgendwie am Hang fest und – nach Berliner Art – „baumelte mit de Beene“. „Herr Wolfler, gell,  das ist jetzt so ungefähr die Höhe wo wir am ersten Abend den Achter gesehen haben, oder?“ fragte ich, nachdem ich zumindest wieder einen Schnaufer hatte. „Nana, dos is schon a bissl höcher, do simma grod halbweg. Und dos Sitzl is dann nochamol so hinauf.“ Zumindest nahm ich mit einer gewissen Genugtuung beim weiteren Anstieg in den Nackenhaaren des Jagers einen minimalen Schweißfilm wahr.  
 
Sicherlich sind solche Schilderungen in den Augen der meisten meiner Leser eher lächerlich. Da unternimmt so ein Stadtfrack eine Jagdfahrt ins Gebirge und lässt sich dann ewiglang darüber aus, wie hart doch die Steigerei ist und wie sehr er sich doch dabei anstrengen muss. Der Vorwurf ist auf jeden Fall zutreffend, aber ich bin halt einmal kein sonderlich sportlicher Mensch mit gesundem Lebenswandel und jage trotzdem gern im Berg, wenn es sich ergibt. Vielleicht sind für mich dann auch solche Pürschen besonders wertvoll. Meinem Leser wären sie vielleicht allenfalls ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang zum Aufwärmen, bevor man geschwind über drei Gipfel hüpft, also nichts Besonderes. Mir sind sie Schinderei und Selbstüberwindung, und damit ist dann das oben Ankommen ein besonderer Moment. Vielleicht erlebe ich das dadurch sogar reicher und schöner als jemand, dem das ein kleines Ding ist. 
 
Als mich der Jager Wolfler endlich oben angebracht hatte, als ich mich mit trockenem Hemd, warmer Joppe und untergeschobenem Lodenkotzen oben auf dem Hochstand eingerichtet hatte, da war der Ausblick wegen der Schinderei doppelt so wertvoll. Ganz droben war ich natürlich nicht. Die Alm, die ich weiter oben wusste, war noch nicht einmal einsehbar. Aber ein kleines Kesselchen, begrenzt von keiner Wand, aber einem Wandl, an dessen Schneid ein paar hohe Tannen standen, lag da vor mir und sah in der Nachmittagssonne selten schön aus. Um die Fünfe herum mochte es jetzt sein, ich wollte nicht auf die Uhr sehen. So, wie die Sonne stand, würden wir gut zwei Stunden und vielleicht noch eine halbe haben, bis wir abbaumten. Mit Glück würde ein Hirsch hergehen, der passte. Doch ich merkte, dass ich den Gedanken dachte, dass das gar so wünschenswert gar nicht sei mit dem Hirsch: dann hätte ich zwar an einem selten schönen Flecken Welt ein großes Erlebnis gehabt, aber dann wäre auch diese wunderschöne Jagd vorüber und damit die Gelegenheit zu noch weiteren, schönen und großen Erlebnissen. Nun, der Herrgott, der mir das große Geschenk gemacht hatte, hier eingeladen zu sein, der würde es schon gut zu richten wissen. Und ich, ich würde zufrieden sein mit dem, was er mir geben wollte. Solche Momente der inneren Heiterkeit in der Erwartung des Kommenden habe ich auf der Jagd selten, dazu bin ich ein zu leidenschaftlicher Mensch. Aber wenn ich sie habe, dann waren sie immer gut.  

Die Sonne, die noch einiges überm jenseitigen Grat stad, wärmte mir das schweißnasse Genick, in den Wipfeln gratschten die Tannenhäher und in dem Kessel stand bereits das erste Wild: eine Rehgaiss leuchtete rot aus dem Wuchs herüber und gelegentlich konnte man hinter ihren Läufen ein Kitz herumhüpfen sehen. Das Glas vor den Augen sah ich den beiden zu. Was braucht der Mensch einen Fernseher, wenn er draußen sein kann mit einem Gucker? Was sind wir doch dumme Leute und lassen uns vorkauen von anderen, was wir zu sehen und anzuschauen haben. Wer selber hingeht und schaut, der kann erst sagen, dass er gesehen hat. Wie sich da droben im Kessel Mutter um Kind kümmerte, zusah, dass ihr Nachkomm sein Auskommen hatte und lernte, was es da zu nehmen gab und was besser zu lassen sei, wie sie selber dabei drauf achtete, dass sie bei Kräften blieb, um ihrem Kitz weiter Führung und Leben durch den Winter zu geben, bis es im nächsten Frühjahr auf eigenen Läufen würde abspringen können – was war das doch, bei aller Einfachheit, echter und ehrlicher als die Bemühungen heutiger Helikopter-Eltern, die ihr Kind vom Frühfranzösisch zum Ballett und danach zum Voltigieren karren und sich dabei halb wissentlich, halb willentlich um das größte Gut des Familiendaseins bringen, nämlich das Eigenerlebte den Kindern weiterzugeben? Nun hab ich keine eigenen Kinder und rede also recht eigentlich wie der Esel vom Brezelbacken, aber wenn ich mich im weiteren Bekanntenkreis umsehe, dann frage ich mich doch, ob in allem Wunsch, den Kindern die bestmögliche Ausbildung mitzugeben nicht auch insgeheim und unverraten der Wunsch mitschwingt, einen Teil der großen Verantwortung „Erziehung“ auf andere abzuwälzen. Ich will nicht richten, denn das steht mir nicht zu. Aber fragen will ich und werde ich weiterhin. 
 
Die Gaiss war irgendwann fort, der Kessel leer. Jager und Gast schauten unverwandt und unverdrossen weiter ins Halbrund und waren des Lebens und des Lichts recht zufrieden. Irgendwann fing der Herr Wolfler neben mir sein Fernglas her und begann zu spekulieren. Soweit kannte ich den Mann schon, dass er den Gucker nicht so gezielt hernahm, wenn es nichts anzuschauen gab. Aber ich konnte nichts finden in Hang und Wänden, was des Anschauens gelohnt hätte. Und dann kam es beinah zeitgleich aus Mund und Hirschdrossel: ein langgezogener Hirschruf und die Ansage: „Drobm überm Wandl san Läuf!“ Das nötigt Respekt ab: auf einige hundert Meter musste der Mann eine Bewegung hinter den Bäumen oder auf der Wand eine Bewegung gesehen haben. Der Ruf und die Blickrichtung meines Pürschführers gaben mir grobe Anhaltspunkte, aber es brauchte einiges an Guckerei und Zeit, bis ich das fand, was er gesehen hatte: da standen tatsächlich hinter Ast und Nadelwerk braunrote Läufe im Almgras und darüber dröhnte der Ruf des Hirsches heraus. Stand aber fest am Fleck, und bewegte sich nicht vorwärts noch rückwärts. Ob es jetzt nicht ein guter Moment zum Rufen wäre, fragte ich meinen Jager. Der schüttelte nur stumm den Kopf. Aber wo der Hirsch doch da droben stand, da müsste er doch mit einem Ruf zum Zustehen zu bewegen sein, und wenn nur um die paar Gänge, dass er ansichtig würde? Der käme schon von selber herunter, ein wenig Zuwarten halt. Das war die Antwort. Tatsächlich taten die Läufe einen Tritt, dann noch einen, dann wurde ein Wildkörper sichtbar, ein Haupt, eine Zier. Der Jager holte das Spektiv heraus, ich angelte auch meines aus dem Schnerfer.  

Der Hirsch kam an die Felskante der kleinen Kesselwand heran, hielt dort kurz, dann nahm er einen Wechsel schräg herab. Ich folgte mit dem „Zubizahrer“ und begann das Zählen: Kronen waren keine da, aber lange Augenden, lange Enden durchwegs, fünf deren an jeder Stange. Das Geweih kam mir – ja, nicht direkt bekannt vor, aber halt so, als hätte ich es schon einmal gesehen, irgendwo, irgendwann. Man kennt das ja: da sieht man etwas und hat das Gefühl, das man das schon kennt, weiß aber nicht, wo man es hintun soll. Ich bemühte mich den Blick vom Geweih zu nehmen und mir den Körper des Wilds anzuschauen, was bei den weitgespannten Stangen nicht einfach war. Der Vorschlag schien stark, das Leben reich. Beim Rennpferd hätte man vom großen Maschinenraum gesprochen, aber anders als beim Rennross wurde der Hirsch hinten nicht schmaler, er blieb kastig und breit über die ganze Länge. „Das is der Zehner vom ersten Abend?!“ Der Jager sagte das, ich fragte das, gleichzeitig. Zum Alter traute ich mir eigentlich nichts zu sagen. Allerdings hatte ich die drei Altersklassen „Dreier“, „z’jung“ sowie „Siebene, und ölter wird er nit“ ja bereits so oft aus dem Mund von Jager Wolfler gehört, dass ich keine andere mehr in dem Revier existent glaubte, dass ich den Hirsch in die älteste dieser drei Klassen verortete. „Na, der is ölter!“  

Das ging siedheiß ein. Ich könnte jetzt etwas herschreiben von großem erhebende, Anblick, Zauber der Natur und feierlichem Schausiel, halt irgendetwas, was meinen Beutetrieb übertünchen mochte. Das wäre auch wahr, denn es war all das: Der Hirsch stellte sich in der Wand breit, reckte das Haupt hoch und donnerte seinen Ruf hinaus ins Tal, dass sein Goder zitterte. Im Spektiv konnte ich genau sehen, wie der Äser sich dehnte, zusammenzog und wieder öffnete, ehe der Schall recht bei mir angekommen war. Die Weichen zitterten vor Kraft, als er seine Macht, seine Lust, sich selbst hinausschrie. Seine Lichter verdrehten sich dabei ins Weiße, dann schlossen sie sich von Wut in Kraft und letztlich Hingabe an Wesen und Tun. Aber bei all dem Schauspiel kam ein Wunsch immer mehr in mir hoch: Beute zu machen, zu töten, um gejagt zu haben. Ja, das hätte das Ende dieser Hirschjagd ausgemacht, das wäre der Schlusspunkt gewesen nach fünf Pürschen und auf deren zehn war ich gebeten. Fünf weitere Gelegenheiten zum Erleben und Erfahren hätte ich gern drangegeben, um diesem Hirsch auf dreihundert Schritt eine Kugel ins Leben zu tragen, dann hinaufzusteigen, ihn zu greifen, zu be-greifen, den Moment zu spüren tief drin, dann sein weitspannendes, langendiges Zehnergeweih zu Tal zu bringen und später an meine Schreibstubenwand zu hängen als Erinnerung, als Lebensbestandteil, als zeitliche Ewigkeit gewordenen Moment einer gemeinsamen Vergangenheit. Ich war bereit und ich hätte zugegriffen. „Neine, und ölter wird er nit, wurscht, wia lang ma eahm noch onschaut.“ Der Hirsch war nicht jagdbar.  
 
War ich bös darum? Ehrlich nein. So gern ich ihn mitgenommen hätte, so sehr konnte ich mich auch an dem Erlebnis freuen. Letzten Endes ist das eine Sache des Willens. Und wenn ich eins wirklich wollte, dann diese Hirschbrunft, auf die ich so lange gewartet hatte, bis zur Neige auszukosten. Wäre diese Neige auch eine bittere (vulgo eine bruchlose), dann würde ich den Kelch ja dank jagdherrlicher Gnade im nächsten Jahr neu ansetzen dürfen.  Die Kugel blieb im Lauf und der Stutzen im Hochstandeck. Aber deswegen war die Jagd noch lang nicht vorbei. 
 
Der Hirsch stand weiter in der Wand herum und schrie. Offenbar war er gehört worden, denn am Boden des kleinen Kessels trat Kahlwild aus, ein paar Stuck, einige Kälber. Der Hirsch äugte hinunter, blieb aber noch am Fleck stehen und orgelte Ruf um Ruf heraus. Mochte sein angestammtes Rudel sein, mochte ein neues sein, dessen er sich schon sicher wähnte – was weiß ich schon. Aber hinter dem Rudel kam mit Schamfrist ein weiterer Hirsch gezogen, der bisher stumm geblieben war. Kaum aber hatte er die Fläche betreten, hatte der den Zehner auch schon spitz und warf ihm etwas entgegen, das im Jagdschulkurs als Paradebeispiel eines Kampfrufs herhalten konnte. Die Antwort von oben kam umgehend, und der untere Hirsch nahm den hingeworfenen Handschuh sofort auf: mit einigen raschen Fluchten stand er breit und frech mitten im Kahlwild am Kesselboden. Zwei Rufe tat er dort noch, dann begann er das nächststehende Stuck zu treiben.  Der Zehner oben in der Wand stand still wie erstarrt da. Ich nahm den unteren Hirsch ins Glas: Der strotze vor Kraft. Unter der Decke spielten die Muskeln, stramm saß der Frack. Eine Studie hätte ein guter Zeichner machen mögen von deren Spiel, als er sein Kahlwild trieb. Vierte Krone links, fünfte rechts, lang und blankgefegt die Enden, stieß er das Stuck immer wieder hinten an. Das tat dann ein paar Gänge, blieb stehen und ließ sich weiter treiben.  

Der Zehner oben besah sich das wie in Erz gegossen. Er folgte dem Ding da unten noch nicht einmal mit dem Haupt, er schielte grad nur hinterher. Und als sich der ungerade Sechzehner unten der Brunft erst richtig hingab und den Beschlag versuchte, da war er mit einigen wenigen weiten Fluchten unten am Boden, fuhr dem Jungen in die Weichen, warf ihn seitüber und forkelte nach. Der Kontrahent rollte sich weg, kam auf die Läufe und stellte sich. Der Zehner trat drei Gänge zurück und fuhr ihm mit Anlauf ins Haupt.  Der Untere fing den Stoß auf, stemmte sich ein und wurde durch die Wucht einige Meter hangab geschoben. Da fand er Halt, schob sich gegen die Kraft des Anderen und wuchtete ihn mit der Kraft seines ganzen Körpers wieder die Strecke hangauf, die er eben gegen ihn verloren hatte.  Der droben hielt dagegen, und für einen Moment kam das Gefecht zu Stillstand: Beide Hirschen wichen keinen Handbreit, drückten sich gegeneinander und suchten den anderen vom Fleck zu schieben. Beide schoben sie mit aller Macht, und im festgefressenen Stillstand vibrierten Sehen und Muskeln hüben wie drüben. Dann drückte der obere Hirsch sich etwas tiefer ein, gewann erst ein paar Zentimeter, dann einen halben Meter, dann einen ganzen, dann wich der untere und stob in wilder Flucht den Hang hinab ins Holz. Der Zehner setzte ihm eine Strecke nach, dann machte er kehrt und kam in gleicher Geschwindigkeit mitten ins eben erkämpfte und jetzt endgültig seinige Brunftrudel. Stand keuchend drin, langte wieder Atem und brüllte seinen Sieg hinaus, während ihm der Schaum aus dem Äser flog. Lang danach, das Tageslicht war schon lang gewichen, stiegen wir ab und sprachen kein Wort.

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