Lebenshirsch, unverhofft

Es ist schön und es ist gut, wenn man Ziele im Leben hat – zumindest dahingehend, dass es noch unerfüllte Wünsche gibt, auch wenn man die Mitte des Lebens bereits überschritten hat und in dem steht, was so herrlich schwülstig und mit nachsichtiger Güte in Bezug auf die ersten Zipperlein als „die besten Mannesjahre“ beschrieben wird.  Man ist nicht mehr so fit wie früher, auch nicht mehr so heiß, dafür vielleicht ein wenig überlegter und durchdachter. Von Weisheit rede ich erst, wenn ich wirklich alt bin.  
 
Einer dieser Wünsche war ein Damhirsch. Ich habe etwelche Stücke Kahlwild dieser Art erlegen können, aber ein Aufhabender war mir bisher nicht gelungen – gekommen war er oft genug, stand auch gut scheibenbreit gegen Kugelfang, hätte nach Alter und allem anderen auch gut gepasst, nur war erhalt nie in der Freigabe, dieser allen bekannte Drückjagdschaufler, der gemütlich durchs Holz maxelt, auf der Blöße vorm Stand stehen bleibt und sich sowohl in seiner Sicherheit als auch der Morgensonne aalt, sich zur Freude, dem Jäger zum Nägelbeißen.  Gesehen also oft, erlegt aber noch nie – wobei ich den Schaufler auch sehr viel lieber auf der Pürsch als auf dem Riegler hätte schießen wollen.  

Nun gibt es glücklicherweise Freude wie Fritz Hardegg, bei dem ich sommers immer wieder auf Böcke blatten darf und bei dem ich meinen bislang besten Gamsbock, den „Jausengams“ haben schießen dürfen. Um solche Freunde sammeln sich andere Freunde, wie Lelio Colloredo, der fest zum Blattsejour bei Fritz gehört. Lelio verantwortet einen der nennenswerteren böhmischen Familienforstbetriebe, wo neben Sau, Reh, Rotwild, Muffel, Sika und Weißwedel (!) eben auch Damwild frei herumläuft.   
 
„Ende Oktober – kannst Du da? Fritz kommt auch, wir gehen auf Damhirsche. Rotwild und Sauen sind auch frei.“ Manchmal sind die neumodischen sozialen Medien ein echter Segen. Der Termin passte, die Tage blockte ich, und am Freitag des avisierten Wochenendes machte ich mich auf die Fahrt von Baden nach Böhmen. Sie war grauenhaft.  Ganz Deutschland war auf der Straße und ganz Deutschland stand vor mir im Stau auf den Baustellen, die auf der Strecke besonders zahlreich waren, sinnigerweise speziell rund um die großen Zentren.  Irgendwann war ich halt da, lang nach der avisierten Zeit. Im Bett dann noch viel später: drei Freunde treffen sich. Muss ich mehr sagen? 

Das Schöne am Herbst: man muss zur Frühpürsch nicht zu gottverboten früher Zeit aufstehen. Wenn um sechs der Wecker klingelt, damit man um halb sieben auf dem Weg ist Revier ist, dann reicht das leicht. Die Sonne geht ohnehin erst um viertel vor Acht auf, und Licht ist so um Sieben. Fritz war mit eigenem Berufsjäger unterwegs, Lelio als Revierherr braucht keinen Pürschführer, wir setzten ihn an einer großen Wiese ab und sollten ihn später am Morgen wieder aufgabeln. Danach war ich mit meinem Jager für diesen Morgen allein.  
 
Karel Vajs ist ein stiller, ruhiger Mann. Er sitzt da am Steuer seines Pickups, fährt durch den Wald und sagt wenig. Aber er schaut unbeständig: auf die Bäume, den Wald, das Wild. Notiert dabei im Kopf alles, was er sieht: jeden Schaden, jede durchs Wild aufgeschlagene Umzäunung, die hier in Böhmen oft noch aus hölzernen Stangen gebaut wird, jeden Anblick und jedes Zeichen der insgesamt sechs Schalenwildarten, die hier vorkommen: Rot-, Sika-, Dam-, Schwarz- und Rehwild, dazu der Weißwedelhirsch, den man hier „Virginia“ nennt. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Lelios Vorfahr diese Hirsche eingebürgert, und bis heute bilden sie die – neben der finnischen – einzige wildlebende Population dieser Neuwelthirsche in der Alten Welt. Diesem Vorfahr verdanken wir übrigens auch den Bisam – auch den hat er hier in Böhmen unweit Prag erstmals ausgesetzt, und von hier hat er sich über Europa ausgebreitet. Und für all das ist Karel Vajs als Leiter des Jagdwesens über den gesamten Besitz verantwortlich – und der Besitz ist kein kleiner. 
 
Irgendwann hielt Herr oder besser landessprachlich „Pan“ Vajs das Auto an. Es gibt wenig Schöneres als die Spätherbstluft eines frühen Morgens. Ja, es ist erst einmal kalt. Ja, es ist erst einmal feucht. Aber es duftet: nach Wild, nach Wald. Und die Farben, die erst durch die Autoscheiben ein verschwommenes Braun waren, werden mit einem Mal eine Symphonie aller Schattierungen von hellem Gelb über Gold und Rot zu lichtem Umbra. Ein wenig blasses Grün schwimmt noch mit in den letzten Gräsern, und auf den Wiesen draußen vorm Wald ist die Farbe auch nicht mehr stärker. Die Welt hat ein Tarnkleid angezogen, als wollte sie sich in ihrem kurzzeitigen Alter verstecken, damit man den Tod nicht ahnt, den der Winter bringt – und das neue Leben im Frühjahr danach.   
 
Es war noch nicht sonderlich hell, und draußen vor dem Wald war die große Wiese bestenfalls zu ahnen. Das Morgengrauen hing noch tief in der Fläche, und Wild war dort keins zu sehen. Wir saßen bis ins erste Licht und nichts zeige sich. „Pürschen, vielleicht besser.“ Pan Vajs stand auf, wir baumten ab. Die Pürsch bleib so anblicksreich wie der frühe Morgen, zumindest für den längsten Teil. Der Wind wehte stark in diesen Tagen, und er hielt sich selten genug an eine Richtung. Was da vor oder seitab oder hinter uns abgesprungen sei mochte, wer will das ahnen? Wissen will ich das nicht.  Wir sahen einiges an Weißwedelwild abspringen, Böcke waren nicht darunter. Später gerieten wir an ein Damwildrudel: ein paar Stuck, einige Kälber, ein Hirsch darunter – aber heilig zu jung. Um die Kante eines mit mittelalten Buchen bestockten Hangs standen einige weitere Stücke Damwild; Stuck, Kalb, ein Spießer. Das Kalb war stark, und dem Spießer standen die Zwiebeln dick auf dem Haupt. Nichts zu nehmen hier. „Wir gehen Lelio abholen.“ Der Morgen schien zu Ende.  

Früher am Morgen hatten wir in seiner Ecke einen Schuss gehört. Auf der Wiese, auf der wir ihn abgesetzt hatten lag richtig ein Damhirsch: rechts eine halbe Schaufel, die linke war wild zerfetzt und zerfasert. Ein passender Abschusshirsch lag da, reif und recht. Die Freude war groß, der Morgen hoch irgendwann auch. Zeit weiter zu gehen, meinten Jagdherr und Jagdleiter, und zum Auto war es noch eine Strecke.  Man kann nicht wirklich sagen, dass wir leise und vorsichtig pürschten – eher im Gegenteil. Der Morgen war schon spät, und es gab neben Lelios Schaufler auch noch einen Hirsch zu diskutieren, den Fritz erlegt hatte – ein Vollschaufler, der einige Meter Weidezaun im Geweih mit sich geschleppt hatte. Dass da grade ein Damhirsch quer über die Straße gesprungen war, hatte ich bestenfalls gehört, die Schalen hatten auf dem Schotterweg sauber gerumpelt. Gesehen hatte ich ihn nicht. 
 
Lelio und Pan Vajs zischten irgendwas auf Tschechisch hin und her, sie klangen sehr aufgeregt, und aus diesem geflüsterten Kauderwelsch konnte ich zumindest die Worte „danĕk“ und „vhodný“ herausfiltern. „Danĕk“ ist der Damhirsch (seine Frau spricht sich auf Tschechisch übrigens passenderweise wie „Daniela“) und „vhodný“ heißt „passend “. Ich war sehr stolz auf meine in Vorbereitung der Jagd erworbenen Kenntnisse der Landessprache. Da war also eben ein passender Damhirsch vor uns über den Weg gesprungen, und inzwischen konnte ich ihn auch sehen: er stand sechzig und ein paar Schritt unter dem Weg im Stangenholz und äugte zu uns zurück. Ein wirklich schönes Bild, und so sah also ein passender Damhirsch aus. Sehr ansprechend, in der Tat. 
 
Ob es ein Tritt des Jagdherrn war oder ein Rippenstoß, das kann ich jetzt so genau nicht mehr sagen. Auf jeden Fall holte mich irgendetwas unsanft aus der Versenkung, begleitet von der Frage, ob ich jetzt vielleicht endlich einmal Anstalten machen wollte zu schießen. Schießen. Damhirsch. Passend. Ach ja! Der Pürschstecken lag passenderweise im Auto. Wenigstens war die Rabenprinzessin noch geladen, und weit war es auch nicht. Ich ging mit dem Absehen von unten ins Leben, dann zog ich. Der Hirsch fiel im Schuss zusammen und walgte ein paar Meter abwärts. „Hast ihn?“ fragte Lelio aufgeregt. „Ich glaub’ schon, er liegt zumindest da.“ Ich dürfte ebenso intelligent ausgesehen haben wie meine Antwort geklungen haben muss. Der Hirsch lag aber tatsächlich unten im Hang und schlegelte.  

 
„Nachladen, prosím!“ Das war jetzt Pan Vajs, der noch am meisten Geistesgegenwart beisammenhatte. Ich ließ die leere Patrone aus dem Lager springen, schob eine neue nach und schloss die Waffe wieder. „Prosím hinunter zu danĕk!“ Der Damhirsch lag auf der Seite, schlegelte zwar kaum mehr, aber die Kammer hob und senkte sich noch, obwohl aus dem Einschuss am Blatt der Schweiß schon blasig herauskam. „Schieß ihm noch eine von unten in die Kammer“.  Ich ging zwei Schritte zur Seite, damit die Kugel nicht in den Ziemer fahren würde. Auch auf dem Schuss dauerte es noch einige Augenblicke, bis der Hirsch verendet war. Damwild ist hart.  
 
Als ich die Waffe öffnen wollte, merkte ich, dass nicht nur meine Hände, sondern dass ich am ganzen Körper zitterte. Zwischen dem ersten Anblick des Wilds und dem Schuss waren nur wenig Zeit vergangen, das ganze Erleben war in diese kurze Spanne gedrängt, in diesen Moment hinein verdichtet. Jetzt brach das Jagdfieber durch, und ich bin dankbar, dass das 33 Jahre und einige tausend Kreaturen nach meinem ersten Stück Wild immer noch so ist: wenn es zum Schuss geht, bin ich ruhig. Wenn er saß, dann bin ich ein Nervenbündel. Vor mir lag ein lang ersehntes Wild, mein erster Damhirsch. Die linke Schaufel ist ein zerrissenes Ding, die rechte schmal und dreieckig, dicke, knuffige Enden dran. Ich saß lang dort im Wald und weidete mich an der Schönheit des Wilds. Besah die Stangen, befühlte die Schaufeln, begriff den Zauber und den Charme. Warum die Römer dieses seit der letzten Eiszeit in Mitteleuropa ausgestorbene Wild als kultisches Opfertier wieder bei uns eingeführt haben weiß ich nicht. Warum jeder Herrscher und Duodezfürst, der irgendetwas auf sich hielt, dieses Wild als Parkwild haben wollte, das wurde mir allerdings klar: es ist einfach schön anzusehen. Und als ich das Haut meines Damhirsches besah, da verstand ich auch, warum mein Großvater gern vom „Dambock“ sprach. Man muss sich den „danĕk“ nur einmal genau anschauen: er hat nicht das noble Gesicht des Hirsches mit seinem eleganten, langen „G’schau“, eher schaut er frech und eben „bockig“ drein. An dem Morgen habe ich mir vorgenommen, mehr auf dieses Wild zu gehen, mehr darüber zu lernen und zu erfahren, auch und speziell über sein Brunftverhalten: 
 
Während der Rothirsch, der „edle“, sich in der Brunft die Seele aus dem Leib röhrt und denselben auch noch durch unentwegtes Hin- und herstampern von Rivalen respektive durch das mühsame Beisammenhalten seines Harems höchst unadelig abmagert, macht der Damhirsch das sehr viel effizienter und herrschaftlich dekadenter: schlägt sich eine Kuhle in den Boden, lässt dahinein, was Blase und Testikel hergeben, rülpst ein paarmal herzhaft, legt sich dann in seine angerichtete Suppe, wälzt sich ordentlich darin und wartet, bis die Damen antanzen.  Wenn unsereins das auch probierte, da käme wohl wenig heraus – wobei: man sieht es ja doch immer wieder, dass die hübschesten Weiber die Heerschar der gestriegelten, pomadisierten und parfümierten Beaus zwar ein wenig goutieren und beflirten, aber dann mit dem ungepflegtesten und darin offenbar männlichsten Kerl abdampfen. Hinterher sind sie dann zwar meistens abgrundtief traurig und lassen sich von einem Jüngling ein wenig trösten, aber das ist eine andere Geschichte und hat im Reich der Wildbahn kein Pendant. Besagtem Kerl ist das wurscht, er hatte seinen Brunfterfolg, er rülpst sich eins, legt sich zurück in seine Kuhle und wartet. Übrigens: die Brunftplätze des Damwildes halten sich deutlich länger als die des Rotwildes, und von englischen Wildbiologen (das Königreich hat den größten Damwildbestand Europas) hört man, dass das mit Anomalien im Erdmagnetfeld zusammenhängt. Die spürt der Dambock und legt sich dort seine Brunftkuhle an. Sagen die Wissenschaftler. Jegliche Wortspiele zu diesem Thema und dem Begriff „Wünschelrute“ lassen wir bitte sein. Ich weiß ja nicht, wer das hier irgendwann einmal hört. 
 
Das Wetter war schön an diesem Tag Ende Oktober, auch wenn ein Wind blies, der nichts Gutes verhieß: für den nächsten Tag war schwerer Sturm angesagt, und am heutigen Morgen schon waren die ersten Ausläufer zu spüren und in den Wipfeln laut zu hören gewesen. Das allein stört ja noch nicht beim Jagen, aber dass der Wind seine Richtung nicht halten wollte, das machte die Pürscherei sauer.  In der Früh mussten wir schon ziemlich aufpassen, um das Wild nicht zu verstampern und zu vergrämen. Ein Virginia-Hirsch, der hell durchs dunkle Fichtengestangel geleichtet hatte, war nach kurzem Windstoß in den Nacken mit indigniertem Brummen abgesprungen. Für die Abendpürsch lies das wenig Gutes hoffen. Tatsächlich war ich bereits eine gute Stunde hinter Pan Vajs anblickslos durch den böhmischen Wald gepürscht. Er schien wenig glücklich über die Wettersituation, und hätte ich ein Wörterbuch dabeigehabt, hätte ich meinen Wortschatz an ortsüblichen Invektiven wahrscheinlich um einige wertvolle Begriffe erweitern können. Man ist halt leider nie richtig ausgerüstet. 
 
Ein Stuck mit schwachem Kalb, Rotwild, stand in den Stangen neben dem Weg. Mein Jager schaute kurz hin und meinte, dass das Kalb zu nehmen wäre. Aber noch bevor ich das Gewehr von der Schulter hatte, hatte der Wind erneut gedreht und saß sowohl mir im Genick als auch dem Wild im Windfang. Das Stuck blickte indigniert und begab sich fort, das Kalb hinterdrein. Die tschechischen Invektiven wurden, rein nach Wortklang zu schätzen, ein paar Grade deutlicher. Man könne das Stangenholz umschlagen, weiter unten wäre ein wenig Hochwald. Es würde zwar eigentlich keinerlei Sinn machen bei dem vermaledeiten Wind, meinte Pan Vajs, aber bevor man so im Wald herumstünde, hätte man wenigstens etwas Bewegung. Nun gut, ich hatte auch nichts anders vor, so setzten wir unseren verwehten Waldspaziergang halt fort.  
 
Das Unternehmen war von solcher Sinnlosigkeit, wie sie nur unbeschäftigte Jäger auf sich nehmen. Der Wind hielt für keine zehn Sekunden, er drehte so permanent, dass eigentlich inzwischen der ganze Wald auf weite Schussdistanz nach Mensch stinken musste. Gut, vielleicht war das Wild dadurch bereits verwirrt oder abgestumpft – man denkt sich halt unschöne Situationen irgendwie lebbar. Aber auch das half nicht mehr. Pan Vajs blieb abrupt stehen, drehte sich zu mir um und sagte: „Macht keinen Sinn nicht. Da unten Dickung. Ich gehe durch, sie hier Baum. Wenn kommt, schießen wenn passt.“ Gut, meinethalben auch das. Bis zum Zunachten wäre es noch gut eine Stunde, warum nicht ein Privatdrückerl, wenn sonst nichts zu machen sei.  
 
Pan Vajs stiefelte den Hang hinunter, ich suchte mir hinter einer Fichte ein Standel und drehte das Zielfernrohr auf vierfach. Die Dickung war nicht groß. Kein Ballsaal, ein Wirtshaussaal vielleicht. In ein paar Minuten würde er unten sein und dann stumm durchgehen, rechnete ich mir aus und richtete mich ein. Es war keine lange Zeit, bis ich auf fünfzig Schritt die Stauden wanken sah. Ein Haupt wurde sichtbar, wurde Rotwild, wurde Hirsch. Rechts trug er einen mehr als armlangen, dicken Spieß, links nur ein abgewinkeltes Etwas, kurz und dünn.  Dann setzte er sich in Bewegung, und in dem Moment war alles klar. Der Hirsch schonte barmwürdig auf dem rechten Vorderlauf, das war kein Ziehen oder gar trollen, es war ein unbeholfenes Auf- und Abtauchen. Von rechts nach links ging er, und ich bewegte mich entgegengesetzt um einige Schritt, um den Schuss möglichst weit an der Dickung vorbei abzugeben. Als er aus den Stauden heraus und im Hochwald war, fuhr ich aufs Blatt, eine Handbreit weiter vor, dann fiel er im Knall. Kaum hatte ich nachgeladen, knallte es bei Pan Vajs unten in der Dickung. Weit unten im Hang preschten drei Frischlinge aus den Fichten, für mich unwagbar. Den vierten, der einen ähnlichen Wechsel nahm wie mein Hirsch, fehlte ich scheibenbreit.  
 
Als Pan Vajs die Dickung durchgedrückt hatte, stand er unmittelbar vor dem Hirsch. Sein Gesicht klappe herunter, er kratzte sich am Kopf und murmelte den klassisch königlich-böhmischen Stoßseufzer „JeschuschMarjandJosef!“. Meine Knie, die nach dem Schuss und Fall des Hirschen ein völlig unkontrollierbares Eigenleben angefangen hatten, gehorchten zumindest rudimentär wieder und ich trat an mein Wild. Da lag ein abnormer, altkranker Hirsch vor mir im Moos. Am linken Blatt saß mein Schussmal. Ich schaute mir die Schalen genauer an: die rechte vordere war mehrere Zentimeter länger ausgewachsen als die linke und an der Spitze durchscheinend weiß. Gemeinsam drehten wir den Hirsch herum. Das rechte Ellbogengelenk war völlig zertrümmert. Am Brustkern saß ein Streifschuss, auf dem Gelenk zählte ich drei Einschüsse, schwarzbrandig, mit Eiter unterlegt. Von einem Straßenunfall konnten diese Verletzungen nicht herrühren, von einem Kugelschuss ebenso wenig, zumal Pan Vajs kein angeschossener Hirsch hier herum bekannt war. Das sah sehr nach einem Schuss mit groben Schroten, mit Posten aus. Wildererhandwerk, böses Handwerk. Warum so manche deutschen Jäger solche Buben in Wildererliedern immer wieder hochleben lassen, besonders zu vorgerückter Wirtshausrechnung, ist mir unbegreiflich. Wilderei ist Schweinerei und hat mit Waidgerechtigkeit meist ebenso viel zu tun wie ein Herrenmagazin mit dem Katechismus.  
 
Wir sahen uns die ausgewachsenen Schalen genauer an. Dass die Verletzung vom Vorjahr sein musste, darauf wieß bereits die diagonal gegenüberliegende abnorme Stange hin. So weit wie die Schalen verlängert waren, konnte man eher auf zwei Jahre schließen. Und dennoch war der Hirsch nicht abgekommen, war feist und gut beieinander, und der immer noch feuchte und „duftende“ Brunftfleck wies auf entsprechende Aktivität – oder zumindest Bereitschaft dazu – hin. Was unser Wild an Malträtierung wegstecken kann lässt mich immer wieder staunen. Die massiven Entzündungen im zerschossenen Ellbogen hatten sich nicht ausgebreitet, Leber und Nieren als Entgiftungsorgane waren zumindest optisch befundfrei.  
 
Ich hatte einige Bilder von dem Hirsch gemacht und dem Jagdherrn geschickt, unterschrieben mit dem tschechischen Waidmannsdank: „Lovu dík“. Seine Antwort lässt sich am besten mit „durch Staunen bedingte Wortfindungsstörungen“ beschreiben. Was da lag, war ein Ausnahmshirsch in jeder Hinsicht. Altkrank, alt, uralt – 15 Jahre, das ergab später der genaue Befund des Kiefers. Erlegt unverhofft, ungeahnt auf einer aus der Not geborenen, spontanen kleinen, privaten Drückaktion zu zwei Mann ohne Hund, eine Situation, die so besonders, so charmant, so schön und so reich war, wie es selten eine ist. Wie besonders dieses Geweih, dieser ganze Hirsch ist, das ahne ich seitdem jeden Tag ein wenig mehr. Einen recht deutlichen Hinweis hat mir im Übrigen ein guter Freund gegeben, einer, der mehr über Rot- und andere Wildarten vergessen hat als ich je lernen werde und der wahrscheinlich in meiner Generation über das umfassendste jagdwissen verfügt: Johannes Schwarzenberg. Ich hatte ihm ein Bild des Hirsches geschickt. Da er unweit von Lelios Jagd wohnt, war er wenige Tage nach der Erlegung hinüber gefahren um den Hirsch anzuschauen. Auf dem Rückweg rief er mich gratulationshalber an: „Ich hab’ mir grad Deinen Hirsch angeschaut. Du weißt aber schon, dass solche Hirschen eigentlich in bedeutende Sammlungen gehören!“ Seine Geweihsammlung ist eine der bedeutenderen unserer Zeit. 
 
Am deutlichsten aber hat es Pan Vajs zum Ausdruck gebracht. Wir hatten den Hirsch gemeinsam aufgebrochen, danach hatten wir den Frischling, den er in der Dickung erlegt hatte, geliefert und versorgt. Das Licht war schon lang im Sinken, als wir immer noch dastanden und schweigend den Abend und alles, was darin war, bestaunten. Irgendwann gingen wir dann das Auto zu holen um den Hirsch aufzuladen. Nach einigen Schritten blieb Pan Vajs stehen und drehte sich um. Das Bild hat sich bei mir eingebrannt. Durch eine Baumlücke fällt ein wenig freier Himmel ins Aug, und davor stand zwischen den Hochwaldstämmen das abnorme Haupt des Hirschen gegen das letzte Abendlicht. Das Bild bleibt, ebenso wie das Wort, Pan Vajs mir sagte:  „Lebenshirsch.“  

Am nächsten Morgen blieben wir zu Hause, und am späten Vormittag fuhren wir heim, Lelio und Fritz nach Österreich, ich ins Badische. Der Sturm saß heftig überm Land, jagen wäre unmöglich gewesen. Aber war es auch nur ein Tag, so war er doch selten erfolgreich. An diesem einen Tag lagen fünf passende Damhirsche, mein abnormer Rothirsch und der Frischling von Pan Vajs. Wenn der hl. Hubertus einen unter die Dusche stellt, dann soll man keinen Schirm mitnehmen! 

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