Auf der anderen Seite


Erschlagt mich, verurteilt mich für schlechten Geschmack und meinethalben auch für lausige Musikalität. Aber manchmal mag ich Reinhard Mey. Erstens hatte er ebenfalls mal einen Dackel, das adelt schon einmal. Und dann dieser Satz in einem seiner Lieder: „Du machst dich heut‘ in meinem Leben so breit, dass ich vergessen hab:  Was hat es eigentlich gegeben, damals, als es Dich noch nicht gab?“ Gut, er singt das zwar über seinen ältesten Sohn. Aber ich könnte mir vorstellen, dass er die Urfassung geschrieben hatte, als sein erster Hund über ihn hereinbrach. Ich kann den Satz über jeden Hund sagen, der irgendwann in mein Leben trat, egal, wie alt ich war: Basti I und II, Zenzi, Maroni, Babette, Jazz, Oscar, Cookie, Bouncer. Und ganz besonders über die kleine Klobürste, die grade – üble Düfte verströmend – auf meinen Füßen liegt (es gab Huhn zum Abendessen, und Fleischreste sowie Knorpel sind Hunderecht, seit altersher). Sie heißt offiziell Traudl, ganz offiziell sogar „Xanthe Traudl vom Eisenstein“. Die wirklichen Namen verrate ich nicht, denn sie ist aus höchstem niedersächsischem Rauhaardackeladel und könnte indigniert reagieren. Da muss man aufpassen.

Sie ist mein erster eigener echter Dackel und mein erster eigener echter Jagdhund, mit Ausbildung und allem Pipapo. Wobei ich ziemlich sicher bin, dass sie eher mich ausbildet. Und ich bilde mir im Gegenzug ein, dass wir uns zumindest in Sachen Ausbildung gegenseitig die Waage halten. Ansonsten hat sie die Nase vorn und lässt mir zumindest und gnädiger Weise die Illusion, dass ich etwas zu sagen hätte. Sie ist der Hund, den ich mir immer gewünscht habe. Bekommen hatte ich sie durch List und Zähigkeit: List, um Frau und Schwiegermutter von der Lebensnotwendigkeit eines Dackels zu überzeugen; Zähigkeit, um drei längere Prüfungssitzungen bei den Züchtern durchzustehen. Dafür bin ich Joana und Dirk übrigens sehr dankbar: sie achten exterm genau darauf, wo sie einen ihrer Welpen hingeben. 

Was Traudls Aufgaben angeht: die List zur Überzeugung der besten Ehefrau von allen hatte eine unvorhergesehene Wirkung. Denn meine Frau hat an dem Dackel einen Narren von gargantueskem Ausmaß gefressen, was auch daran liegt, dass der Hund sie morgens mit knurrgurgelndem Heulen begrüßt. Sie „spricht“ mit ihr. Nur mit ihr. Mit mir nicht, aber wir brauchen keine Worte. Nun ist es wirklich schön und gut, dass meine Frau und ich diesen Dackel mit gleicher Intensität lieben. Aber das hat (oder hatte) auch den Umstand zur Folge, dass mir jegliche Jagdaktivitäten untersagt wurden, die den Dackel in irgendeiner Form in Gefahr bringen könnten. Baujagd war von vornherein ausgeschlossen, auch für mich. Man kennt mein Verhältnis zu Dachsen und Füchsen. Stöberei: ich wähnte mich lieber am Stand als in der Dickung, und Standschnallerei mag ich wenig und habe wenig Gelegenheit dazu. So war Traudls erste und wichtigste Aufgabe die Fährtenarbeit. 

Zuerst waren das getupfte oder gegossene Autobahnen, durch guten Rat sind wir aber bald zur getretenen Fährte übergegangen. Traudl geht auf Bodenverwundung, und da geht sie gut. Neben zahlreichen Übungsfährten hat sie auch bereits einige echte Nachsuchen hinter sich, und davon waren einige durchaus anspruchsvoll. Sie hat sie ebenso bravourös gemeistert wie die vorgeschriebene Suche bei der Brauchbarkeitsprüfung. Die hat sie als eineinhalbjähriges Hundl nonchalant als Suchensiegerin absolviert. Den Bock in den Weinbergen im Nahetal, der ohne Zeichen bei nicht ganz nahem Schuss abgegangen war, den hatte sie perfekt gefunden, auch wenn da kein Tröpflein Schweiß war. Die Sau, die im badischen Frühjahr unter Hintanlassung einer gut sichtbaren Lungenschweißspur in eine grauenhafte Schwarzdornhecke gegangen war, hätte ich ohne meinen Dackel nicht so ohne Weiteres gefunden, den böhmischen Pirschbock in der stockfinsteren Jungfichtenbürste ebenfalls. Und das Dreierhirschel im österreichischen Gebirg bei meinem lieben Freund Fritz? 

Der Sohn des Jagdherrn, Anton, hatte mich am Morgen nach einem für mich erfolglosen Gebirsriegler drauf geführt. Er war sich sicher, dass da am Karntalboden was ginge. So saßen wir da im stockfinsteren Novembermorgen, und nur mit dem Infrarot war zu sehen, dass vor uns Stuck, Schmalstuck und Kalb standen und weiter oben im Hang zwei junge Hirschen. Als dann endlich irgendeine Form von noch sehr trübem Licht wurde, hatte Anton mit seinen jüngeren Augen die beiden Hirschen als passend angesprochen. Stamperte mich aus dem Bodensitz: „Raus jetzt, von da herin bekommen wir die nicht. Hinterm Standl aufstellen und übern Stock, das geht nur so!“ Der Ton ließ wenig Widerrede zu, Anton dient bei der Garde. 

Die beiden Hirsche standen oben im Hochwald gut 140 Schritt von uns, und welcher welcher war, das wusste Anton besser als ich. Der junge Kerl buchstabierte mir meinen Hirsch perfekt heraus, hieß mich auf eine bestimmte Lücke richten und sagte mir das Wild perfekt an. Als von links kommend Haupt und ganzer Vorschlag des Wilds in der Gasse waren, rückversicherte er sich kurz bei mir, was zwischen den Lusern zu sehen sei. Dann gab er mir den Hirsch frei. Ich war sauber am Blatt, als ich die 7x57R arbeiten ließ. Auf den Schuss ging der Dreier steil bergauf, dann war er nicht mehr zu sehen. Traudl zu meinen Füßen meldete laut, dass sie da Arbeitsbedarf sähe. 

Ihr Schweißzeug hatte ich bewusst im Auto gelassen. Muss der Hund dran, muss man dem Wild Zeit lassen. Die hatte es auch, bis wir am Anschuss waren. Den konnte ich eigentlich nur austriangulieren: da war die Stelle, von der aus ich geschossen hatte, die gemessene Entfernung passte auch. So oder so hatte ich über den Sechserstangen des Wilds nur noch Äste gesehen. Schweiß war keiner da, aber erkennbare Eingriffe.  Traudl ging die Fährte freudig an, das kenne ich von ihr. Aber sie blieb freudig und wedelte wie narrisch. Das macht sie nur auf der Gesundfährte. Ich ließ sie einige Zeit am langen Riemen gehen, dann trug ich sie ab und setzte sie neu an. 

Wieder deutliches Wedeln, aber dann hielt ihre Rute mit einem Mal an, die Ohren gingen nach vorn, die Nase bohrte sich in den Waldboden und verwies einen deutlichen, tiefen Eingriff auf dem linken Vorderlauf.  Von dem Moment an arbeitete mein kleiner Dackel hochkonzentriert und ruhig die Fährte gute achtzig Schritt bergauf und bog dann rechtwinkelig nach links ab in einen vielleicht fünf auf fünf Schritt großen Jungwuchs aus hüfthohen Fichten. Da drin saugte sie sich fest, bögelte kurz und suchte dann wieder in voller Konzentration bergab. Nach vielleicht noch einmal dreißig oder vierzig Schritt wurde der Riemen schlaff. Traudl stand auf dem Hirsch, der maustot in einer tiefen Forstmaschinenspur lag. Auf der ganzen Fährte war kein Tropfen Schweiß zu sehen gewesen, der Hirsch hatte auch keinen Ausschuss. Die Kugel war durch beide Blätter gegangen und steckte auf der anderen Seite unter der Decke. Ich war unsagbar stolz auf meinen Hund.


Traudl war ebenfalls unsagbar stolz auf ihren Hirsch und danach unsagbar stinkig, als wir das Wild mit Hilfe von zwei Freunden meines Pirschführers unter jagdherrlicher Aufsicht aufluden. Ich kann sie gut verstehen: fände ich das fünfzehnfache meines Körpergewichts an Selchfleisch, Speck, Kaminwurzen und Leberwurst im Wald und nähme mir das dann wieder weg – ich wäre auch grantig. 

So sehr mein Dackel die Suchenarbeit liebt, so sehr zeigte sie mir aber immer wieder, dass es da noch anderes in ihr gäbe. Doch da ich mehrfach nicht entsprechend reagierte, wenn sie wieder einmal den ganzen Wohnberg zu Hause nach den Füchsen vom verwilderten Nachbargrundstück laut jiffend durchreviert hatte, dass schon die versammelte Nachbarschaft am Fenster stand und mich freundlich winkend einwies, als ich da immer noch nicht handelte, wurde Traudl dramatisch. Und zwar exakt am 2. Juli um 06:30 Uhr. Ich hatte damals einen reichlich wildleeren Ausgang im Landesforst, saß dort auf einem Drückjagdbock am Hang und langweilte mich fürchterlich. Traudl ebenfalls, denn sie hatte aus purer Ödnis ihre Barkhauser Leine durchgenagt. Ich hatte den kümmerlichen Rest derselben an den Ring ihrer Halsung geschlauft. Inzwischen schnarchte das Dackeltier nach Leibeskräften zu meinen Füßen. Oben im Hang hörte ich Rehwild wechseln, dann schreckte es irgendwann in den Buchenrauschen über mir. Mir war fad, ich mopste mich unsäglich. Zudem bastelte ich damals mit einem der führenden deutschen Lockgeräte-Hersteller an einem Blatter herum und hatte so stets einige Prototypen zur Erprobung dabei. Einen davon angelte ich aus der Tasche und gab lustlos ein paar Rufe ab. Es würde so oder so nichts passieren. 



Dann ging alles recht schnell. Von rechts stürmte ein Rehbock auf meinen Stand her und blieb fünf Schritt davor stehen. Traudl war augenblicklich auf den Läufen, fühlte sich übelst im Schlafe gestört, kläffte einmal auf und warf sich aus dem Stand. Hing kurz zwischen Himmel und Erde, wand sich dann aus der Halsung und stürzte sich auf den Störenfried. Ich Linksschütze drehte mich irgendwie herum, um vielleicht doch noch eine Kugel auf den Bock loszuwerden, aber da war noch nicht mal mehr Kugelfang. Dafür ging mein Dackel selig jiffend im Sichtlaut hinter dem Bock ab. Jagte über die Schulter hinter mir, dann das Tal hinunter und durch den Boden. Da sah ich sie zum letzten Mal. Hören konnte ich sie noch lang, gute drei Viertelstunden arbeitete sie den Bock. Dann war es still. Ich rief. Nichts. Ich pfiff. Nichts. Ich begann zu beten. 

In diesem Revierteil gibt es keinerlei Mobilfunkempfang. So hätte auch das kleine GPS-Gerät, das sie an der Halsung trug, kaum etwas genützt. Zudem baumelte besagte Halsung am Ende der durchgenagten Leine. Ich wartete neben meinem Sitz. Eigentlich war sie immer auf der eigenen Fährte zurückgekommen. Nun war sie schon eine Stunde fort, ich hörte keinen laut. Ich gab alle fünf Minuten einen Doppelpfiff ab. Nichts. Ich wartete weiter, betete lauter. Dann ging ich zum Auto, holte den Lodenkotzen und Traudls Bett und legte es unterm Baum ab. Ging wieder zum Wagen, stieg ein und fuhr die Waldwege ab. Blieb alle paar Meter stehen und horchte. Nichts. Fuhr endlich die Landstraße ab und schielte mit Würgen in der Kehle in den Straßengraben. Inzwischen ging es auf halb neun, zwei Stunden war der Hund nun schon fort und ich in grauenhaften Ängsten. 

Im nächsten Ort wusste ich Empfang für mein Telefon, fuhr hinauf und rief meine Frau an. Meine Angst um Traudl war inzwischen zur Panik geworden, und sie war die Einzige, die mir da noch raten konnte. „Sie kommt IMMER zurück! Du rufst jetzt den befreundeten Tierarzt an, fragst den um Rat. Dann gehst jetzt wieder an Deinen Stand, schickst mir vorher eine Wegbeschreibung, und dann komme ich und wir warten nötigenfalls zu zweit!“ 

Des Tierarztes Rat war, alle Reviernachbarn zu verständigen, den Förster, die Polizei, die Tierheime der Umgebung. Förster und Reviernachbarn konnte ich über Nachrichtendienste erreichen, von den Tierheimen hatte ich keine Adresse. Die Polizei hat unweit einen Schießstand, auf dem Weg ins Revier begegnete ich mehreren Beamten und bat sie um Hilfe, ebenso alle Spaziergänger, die an diesem Sommermorgen im Wald waren. Meine Frau kam nach einer kurzen Weile an, beruhigte mich so gut es eben ging und fuhr dann wieder heim, um die Tierheime der Reihe nach abzutelefonieren.  Ich ging wieder zu meinem Stand, bei jedem Schritt die Hoffnung im Herzen, dass Traudl in ihrem Bettchen neben der Fichte, auf meiner Joppe oder auf dem Lodenkotzen säße. Sie war nicht da, war irgendwo, weiß Gott wo. Lebte sie noch, lag sie angefahren irgendwo im Gebüsch, litt sie Schmerzen, hatte sie sich irgendwo verklüftet, war sie tot? Ich schob den Gedanken weg. 

Irgendwann, es ging schon auf Mittag, kam der Revierförster vorbei, der meine Nachricht gelesen hatte. Auch er sprach mir gut zu, der Hund käme sicher wieder. Ich sollte womöglich eine Wildkamera übers Bett hängen, er wollte jetzt jedenfalls mit dem Rad das ganze Revier abfahren und horchen, ob er sie irgendwo fände. Ich trug keine Hoffnung mehr. Ich hatte das Hoffen auf- und mich ins Schicksal ergeben. Käme sie wieder, käme sie wieder. Käme sie nimmer, so wäre sie zwar viel, viel zu früh von mir gegangen, das aber in einem Moment glücklicher, heißer Jagd. Ich gab das Warten auf, wollte von einer unfernen Ecke eine Kamera holen und an den Platz hängen. Jede Stunde würde ich hinfahren und hoffen, dass mein Hund dort schliefe, neben einem leergefressenen Napf und einem Schaffl Wasser. Hoffnung hatte ich nicht. Nicht mehr.

Und dann kam das Auto meiner Frau den Forstweg entlang. Sie saß drin, grinste breit und deutete hinter sich. Ich beute mich ins Wageninnere: Auf dem Rücksitz saß Traudl und glotzte mich scheu an. „Kleintraut“ – mit dieser genialen Wortschöpfung hat eine Freundin das später umschrieben. Ich legte meinen Kopf aufs Wagendach und heulte Rotz und Wasser. Dann kroch mein Dackel auf mich zu, stupfte mich in den Bauch, sprang dann an mir hoch, hüpfte in meine Arme und schleckte mir jaulend die Tränen weg. 

Traudl hatte den Bock über die Grenze meines Begangs und über die Landstraße getrieben (das hatte ich noch hören können). Dort, auf einem Wanderparkplatz, hatte sie die Fährte wohl verloren und rannte herum. Ein Spaziergänger, der dort ankam, hätte sie beinah überfahren, hatte aber noch rechtzeitig gebremst. Sah, dass der Hund nur ein Zeckenhalsband trug, sah, dass er freundlich war, hatte den Dackel gepackt und ins örtliche Tierheim gebracht. Die Betreuer hatten sofort den Chip geprüft und mit der Datenbank abgeglichen. Gott gedankt hatte ich Traudl noch bevor sie zu uns kam bei den entsprechenden Datenbanken registriert.  So kostete es nur einen Anruf bei meiner Frau, um ihr mitzuteilen, dass der Hund im Tierheim abzuholen wäre.  Als sie dort ankam, hatte sie keinerlei Papiere dabei, aber Traudls Wiedersehensfreude hatte die Betreuer überzeugt. Vielleicht liest der umsichtige Mensch, der meinen Hund aufgegabelt und so wunderbar richtig reagiert hat, durch einen Zufall irgendwann diese Zeilen und meldet sich bitte(!) bei mir. Ich schulde ihm viel.

Später an diesem Tag – es war ein Samstag – hatten meine Frau und ich ein langes Gespräch, während Traudl in ihrem Körbchen das große Abenteuer ausschlief: „Du weißt, dass ich immer gegen jede Form der Baujagd mit Traudl war und das auch weiterhin bin. Aber nach dem Abenteuer mit Traudl glaube ich, dass sie das machen will und deswegen auch machen muss. Ich gebe also meine Bedenken dagegen auf. Du musst mir nur versprechen, dass sie ab jetzt immer einen Sender trägt, der auch ohne Handynetz funktioniert. Dann dürft ihr ab jetzt auch baujagen. Sonst erleben wir sowas wie heute immer wieder.“ Ich war auf diese Sätze meiner Frau hin erst einmal komplett sprachlos. Ich musste das erst einmal sortieren, anschließend ordnen und dann verstehen, irgendwie. „Ja, aber von Baujagd war ja nie die Rede! Es wäre allenfalls um Stöberjagd gegangen, und das, was Traudl heute auf eigene Faust gemacht hat, war ja nichts anderes als das!“ So lösten wir das Missverständnis auf – es war ja nichts anderes als eine semantische Differenz im jagdidiolektischen Bereich – und Traudl bekam die höchstinstanzliche Stöberfreigabe. 

Die notwendige Ausrüstung war schnell beschafft und Traudl darauf angewöhnt. Es gab ein paar Übungseinheiten bei einem guten Menschenausbilder (der Hund kann eh meist alles von allein, der Mensch muss da erheblich mehr Lernleistung bringen), dann kam die Drückjagdsaison. Die war in diesem Jahr nicht sonderlich voll. Die erste Jagd wäre sehr gut, dann kämen einige schwache Jagden, dann zum Abschuss noch eine sondergute in Böhmen bei Freund Lelio. Die beiden guten Jagden waren keine guten Gelegenheiten, Traudl erstmals stöbern zu lassen. Aber von den beiden schwächeren Jagden war die zweite bei meinem Jagdfreund Marco absolut ideal. Sie findet alljährlich in einem bezaubernd schönen und gut geführten Revier im Odenwald statt. Eine Handvoll Schützen, eine Handvoll Treiber und Hundeführer, eine Handvoll Wild. Exakt das richtige Übungsrevier für meinen Stöberdackel-to-be und mich als Treiber/Hundeführer-to-be. Bei der Ausrüstung dazu gab ich mir alle erdenkliche Mühe: jeder sollte sehen, was für ein absolutes Greenhorn sich da der Wehr anschloss.  

Ich glaube heute fest daran, dass dieser Tag mein Jagen verändert hat, und das in mehrerlei Hinsicht. An diesem Tag sind notabene keine großen Abenteuer geschehen, keine Heldentaten, keine Schmach und keine Niederlage. Es war einfach nur ein ganz normaler Jagdtag, wie ich ihn schon so viele Male erlebt hatte – als junger Bub im Weinviertel, der noch nicht „rieglerfest“ war, der daher mit den Treibern zu gehen gerufen war. Damals war ich wie heute warm, aber leicht angezogen, halbwegs dornensicher auch. Würde einen Tag lang durchs Unterholz stapfen, hier und da gegen Stämme klopfen, dort und drüben rufen und hoffen, dass das Wild vor mir aufstände. Der einzige und große Unterschied war: diesmal hatte ich meinen Hund dabei. Marco hatte mir versichert – und auf der Karte hatte ich es nachgesehen – dass keine nennenswerten Straßen in der Nähe waren. So konnte ich mein Dackeltier ohne lebensbeschwerende Sorgen schnallen. Denn: ich wäre lieber daheim mit der Beichte angetreten, dass eine andere Frau von mir schwanger ginge, als dass ich meiner Frau hätte berichten müssen, Traudl wäre Leid geschehen. 

Der Trieb begann oben auf der Hügelkrone. Den Stand dort kannte ich genau, Jahrs zuvor hatte ich dort zwei Frischlinge erlegt und war damit sogar Jagdkönig geworden – das erste Mal in meinem Leben. Nun saß dort ein junger Koch aus Franken, den ich darauf einwies, wo das Wild zu erwarten wäre. Das ist Treiberpflicht, das ist Treiberehre.  Gute fünfzig Schritt unterhalb seines Standes und tief in den Buchenkusseln ließ ich Traudl von der Leine. Anuzuhussen brauchte ich sie nicht, das Mädel machte sich auf kurzen, krummen Beinen rasch davon, und wenige Minuten später hörte ich ihren hellen Hals hallen. So scharf wie sie rief, konnte sie nur an Sauen sein, und die Schützen bestätigten mir das später auch. Ein Doppelschuss hallte, dann verschwieg mein Hund. Wenig später kam Traudl zu mir zurück, setzte sich wedelnd neben mich und ließ sich anhalsen. 

Wir gingen hundert und ein paar Gänge weiter hangab, querten einen Weg und tauchten in die nächste Dickung ein. Ich fragte den Wehrführer, ob ich Traudl ein weiteres Mal schnallen sollte. Der nickte heftig. Kaum hatte ich sie abgeschlauft, fiel sie bereits die nächste Fährte lauthals an. Die führte aber leider aus dem Treiben in die Nachbarjagd. Traudls Hals war diesmal weniger giftig, kam im langsameren Staccato, wies Rehwild. Daran mochte sie gern jagen, aber dass sie es beim Nachbarn tat, passte mir nicht. Würde der dortige Beständer überjagende Hunde dulden? Saß er dort? Saß überhaupt wer dort, und wenn: wer saß dort? Beherrschter Schütze oder unbeherrschter Schießer? Die Angst schlich sich nicht in mein Herz, sie stürzte herein und schnürte mich zu. Augenblicklich fing ich das Handgerät aus der Tasche und folgte der Spur meines Hundes auf dem GPS. Jedes Mal, wenn das Signal für mehr als zwei Minuten auf der Stelle verharrte, blieb mein Herz stehen. Schlug erst weiter, wenn sich das Symbol auf der Karte fortbewegt hatte. Und dabei bewegte ich mich immer weiter von meinem Hund fort. Immer wieder fiel das Signal aus, weil ich deutlich tiefer im Hang stand, als Traudl oben auf der Höhe jagte. Jedes Mal wuchs meine Angst, jedes Mal war ich erleichtert, wenn ich sah, dass sie doch noch unterwegs war. 800 Meter war ich nun von ihr fort, dann 900 Meter, dann mehr. 

Meine Treiberwehr hatte den Hang nun durch und traf sich unten auf dem Weg, Marco führte die andere Gruppe zu uns herunter.: „Na, was macht Dein Hund?“ – „Die ist weit aus dem Jagen beim Nachbarn und reviert dort herum.“ – „Lass mal sehen“. Ich zeigte ihm die Karte. „Das ist ok, da sitzt niemand. Vielleicht bringt sie was rein.“ Ich starrte auf den Bildschirm. Traudl hatte sich auf einer Allee sozusagen festgefressen. Dort lief sie auf und ab, gab gelegentlich Laut, teilte mir das Gerät mit. „Wir müssen jetzt um die Schulter da rum, dann sind wir auf dem Buchenacker, wo Du im Spätsommer den Bock geschossen hast, Dann noch durch nen Wald durch und dann ins Dorf. Da steht das Auto, und wenn Dein Hund nicht da ist, dann holen wir das Mädel!“ Mir war das wenig Hilfe. Ich wollte meinen Dackel bei mir, wollte sie in Sicherheit wissen. Einer der Treiber sagte mir: „Dann ruf sie halt, die hört Dich schon.“ Traudl war nun mehr als 900 Meter von mir weg. Dass sie mich in diesem hügeligen Gelände hören würde, das konnte ich mir nicht vorstellen. Aber wir standen vor der nächsten Dickung, und so ließ ich mich laut rufend ins Dickicht fallen.

Aufs Handgerät sah ich nicht mehr. Der Hund sollte jagen, und er jagte. Mochten der Hl. Hubertus, der Hl. Eustachius, die heidnische Diana, deren griechische Urmutter Artemis und alle heidnischen Götter, zuoberst aber mein Herrgott sie beschützen, ich konnte es nicht. Ich konnte nur Angst haben und beten und treiben. Drei Rehe zogen über uns durch und auf die Schützen zu. Von fern hallten Schüsse.

Als wir endlich im Dorf waren, gönnte ich Marco weder Wurst noch sonst irgendetwas. „Komm, wir müssen den Dackel holen!“ – „Ja dann, da drüben steh die Mule. Dann schauen wir mal.“ Erst da zog ich wieder das Handgerät aus der Tasche und merkte zu meinem Erstaunen und meiner Erleichterung, dass Traudl längst ins Treiben zurückgekommen war und dort immer wieder an Wild gejagt hatte. Des Tages erster Trieb ging seinem Ende zu. Laut gab sie nicht mehr. Wir mussten mit dem Gefährt zwar einen kleinen Umweg durchs Dorf nehmen, waren aber dennoch bald in ihrer Nähe. Da klingelte mein Telefon: „Dein Dackel ist jetzt das dritte Mal bei mir durch, zweimal hatte sie Rehwild dabei und geschossen hab‘ ich auch. Soll ich sie einfangen?“ Der Schütze stand sechzig Meter ober mir. „Nein, ich hol sie her!“ Ich gab einen scharfen Pfiff ab und schaute auf mein Handgerät. Das Signal hielt inne, machte dann kehrt und kam in weiten Serpentinen den Hang herab. Schon konnte ich Traudls Signaljacke durch das Bodendickert leuchten sehen, dann war sie zwanzig Schritt über mir im Hang, Ich rief sie an, aber sie suchte weiter in großer Schleife, ob nicht hier oder dort drüben noch eine Fährte im Boden stehen mochte, die Jagdglück hieß. Erst als sie den ganzen Hang abgearbeitet hatte, kam sie freudestrahlend auf mich zu, wedelte heftig und sprang auf meinen Schoß. Dort nahm ich sie, nass und dreckig, wie sie war, unter meine Jacke und liebelte sie ab. Sie war glücklich. Ich war es auch.  

Gute acht Kilometer hatte sie in diesem Treiben auf ihren kurzen, krummen Beinen zurückgelegt, und nun war sie müde. Am Treffpunkt soff sie ein gutes Schaff Wasser aus, dann ringelte sie sich auf meinem Schoß ein und schnarchte augenblicklich los. Ich deckte das stinkende, dreckstarrende Bündel mit meiner Jacke zu und war unsagbar stolz. Sie war nach dem ersten Schnallen aus freien Stücken zu mir zurückgekehrt. Nach dem zweiten war sie auf eine verheißungsvolle Fährte geraten, hatte die zu Ende gearbeitet und war auf größere Distanz, als ich ihr und ihr zugetraut hätte, wieder ins Treiben zurückgekehrt, hatte dort erneut Wild hoch gemacht und geliefert. Sie hatte perfekt gejagt. Ich wusste jetzt, dass ich ihr vertrauen konnte. 


Dennoch ließ ich Traudl im zweiten Treiben nicht mehr vom Riemen. Wir arbeiteten uns durch drei ungemein steile und tiefe Odenwaldtäler, und das Risiko, dass sie ausgepumpt in dichten Heckenrosen und Brombeerbüschen an Sauen käme, dort nicht mehr ausweichen könnte, wollte ich nicht eingehen. Traudl dagegen wäre sofort wieder durchgestartet, hätte ich sie nur geschnallt. Sie zerrte mich an der Leine bergauf und bergab. Fiel bei einem Schützen, der auf ungesunde Distanz eine Sauenrotte unter Feuer genommen hatte, sofort die Fährte an. Zeigte dann durch heftiges Schwanzwedeln an, dass es eine reine Gesundfährte war und lies brav davon ab. Schob durch heftigen Laut einige Rehe aus dem Dickert und begleitete mich dann bis zum Ende des Triebs, an dem ich meine Beine kaum noch spüren konnte. 

Später, als alle Schützen versammelt waren, kamen einige von ihnen auf mich zu: „Dein Hund hat brav gejagt!“  – „Die hat mir gleich am Anfang Sauen gebracht, aber ich konnte nicht schießen.“ ­– „Mir hat sie zwei Rehe geliefert!“ – „Die ist ja in die Nachbarjagd rüber. Von dort kam sie mit Rehwild zurück, aber weit unter mir.“ – „Das hab ich gehört. Aber dann hat sie irgendwo wieder Wild hoch gemacht.“ – „Ja, und mir gebracht, und das Kitz hab ich geschossen!“ – „Also: jagen kann die Kleine, und zäh ist die wie Sohlenleder, die lässt ja nicht locker!“ Ich stand da, durchgeschwitzt und müde, meinen beinahe schon schlafenden Dackel an der Leine und wuchs mit jedem Satz um einige Zentimeter. Dann hob ich Traudl auf, wog sie in meinen Armen und setzte mich irgendwo zur Seite. 

Diese Minuten gehören ihr und mir. Nur so viel: es war eine stumme Zwiesprache zwischen Hund und Mensch ohne Worte. Wir brauchen  aneinander und füreinander nur Gesten. Die sind intim und nah und gehen niemanden etwas an. Aber jeder Hundeführer, jeder Hundegeführter kennt sie. Sie sagen Dank einander, sie sprechen einander Vertrauen: „Mach Du, ich mache, so wird es gut sein. Ich achte auf Dich, Du achtest auf mich, so jagen wir. Das ist unser Bund.“ 

Nach der Strecke, wo sie jedem Signal Beifall heulte, sprang sie im Jagdhaus auf mein Bett und verkroch sich nass und dreckig unter meiner Decke. Nimmer hätte ich ihr das wehren können noch wollen. Ich zog mich um zum Schüsseltrieb, dann hob ich sie in meine Arme und trug sie hinüber ins Wirtshaus. Dort soff sie auf meinem Schoß ein halbes Glas Bier aus (das steht einem Dackel zu!), dann verkroch sie sich ins mitgebrachte Bettchen und schlief dort augenblicklich ein. Träumte von heißen, wilden Jagen, von scharfen Hetzen schweren Wildes, von langem Suchen, von neuem Finden, von neuem Scheuchen, von Schuss und Sturz und Sieg. Wie habe ich sie beneidet, wie gern wäre ich dabei gewesen in ihrem Herzen, ihrem Sinn. Wie stolz war ich, wie glücklich, wie gesegnet, dass ich mit ihr hatte jagen dürfen. 

Was bleibt davon? Ich weiß heute, dass ich einen guten Hund an meiner Seite habe. Wir werden noch einige Prüfungswege miteinander gehen, werden das Vertrauen ineinander vertiefen. Werden an Bogenreinheit arbeiten, werden kontrolliert an Sauen im Übungsgatter jagen, damit wir gemeinsam Mut und Respekt lernen. Werden zeitlebens hoffen, dass die Anderen auf der Jagd beherrscht wissen werden, wie zwischen Hund und Wild zu unterscheiden sei, wann die Kugel im Lauf zu bleiben hat, wenn der Hund hinterm Wild ist, werden zu sehen und zu lesen wissen, wenn der Hund kaum sichtbar am Wild hängt.  Am Ende des Weges werden wir ein Gespann sein, Du und ich. Die Grundfesten haben wir gelegt, jetzt müssen wir sie festzimmern. Ich freue mich darauf. Und wenn wir dann gemeinsam jagen, ein um das andere Mal, dann werden wir aufeinander achtgeben, dass keinem von uns etwas geschieht. Denn wir sind Teil voneinander, sind ein Gemeinsames miteinander. Die Angst wird immer bleiben, in jeder Sekunde. Die Freude, wenn ich Dich am Ende der Jagd gesund und wohlbehalten, dreckig und stinkend wieder in den Armen halte, ohnehin.  Ohne Dich will ich nicht mehr jagen, solang es Dich gibt. 

Gott schütz‘ Dich, mein Hund!

2 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben, als Führer eines (inzwischen 13Jährigen) RHT kenne ich all diese Gefühle nur zu gut! Und es freut mich zu sehen, dass meine Empfehlung für die Weste scheinbar gut ankam.

  2. Sehr schön geschrieben und kurzweilig. WMH weiterhin und gute Nachsuchen.
    Und eine Frohe Weihnacht. Grüße aus dem Teutoburger Wald

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