Highland Stalking – Geschichte und Geschichten

Vorab veröffentlicht in HALALI – Magazin für Jagd, Natur und Lebensart 03/2014

Gemälde „The Monarch of the Glen“ von Edwin Landseer: ein mächtiger Rothirsch mit Zwölfergeweih steht auf einer Anhöhe vor nebligen schottischen Bergen
Sir Edwin Landseer: „The Monarch of the Glen“, 1851

„It is not considered to be a gentleman’s sport“ – Es sei keine Betätigung für Herren. Ich erinnere mich genau, dass mich dieser Satz damals vor 15 Jahren aus dem Mund eines englischen Freundes wie eine Backpfeife traf. War – und ist! – mir doch die Pürsch, das, was der Brite als „Stalking“ bezeichnet mit das schönste, das schwerste und damit – bei aller Abgegriffenheit des Ausdrucks – edelste Jagen. Wobei: nach näherer Beschäftigung mit dem Begriff und seiner Geschichte, und auch nach eigenem Erleben, ist mir das schon nachvollziehbar.

Das „Stalking“, also die bewaffnete Einzeljagd auf Haarwild zu Fuß, begann auf den Inseln des Königreichs in Schottland. Und dort wurde – und wird es – so gehandhabt, dass vorne der „Stalker“, der Berufsjäger geht, und hinter ihm der wirklich auf diesen Begriff reduzierte Schütze. Denn die Jagd, die macht der Stalker. Der sucht und findet das Wild, der legt die Pürsch an, der führt sie aus, der trägt die Waffe und die Munition, und erst im allerletzten Moment vor dem Schuss lädt er den Püster, beschreibt dem Schützen wie er die letzten Meter und Zentimeter nachzurücken habe, bezeichnet das Stück zur Erlegung, lädt die Waffe und das Menschlein, das ihn begleitet, darf grad noch die Hände aufhalten, die Waffe nehmen, das Zeug zusammenschauen und den Abzug betätigen. Dass englische Herren sich gerade von den schottischen Hintersassen nur ungern so entmündigt sahen, das kann man verstehen. Aber dass ein Schotte keinen nur an die vom Lader gereichte Flinte gewöhnten englischen Lord mit einer geladenen Büchse bewaffnet hinter sich wissen möchte – auch das kann man verstehen, sogar ohne tieferes Geschichtswissen. Aber wie nun die englischen Lords darauf kamen, in Schottland hinter den Hirschen herzudackeln, das ist genauere Betrachtung wert.

Hirsche gibt es in den schottischen Highlands seit Menschengedenken und noch ein wenig länger. Lebensraum für den Hirsch ergab sich in Schottland nach dem Ende der letzten Eiszeit um 9000 v. Chr., der Mensch kam erst gut 4000 Jahre später in diese Gegend. Das Rotwild, was er vorfand, war bedeutend stärker als das, was heute dort lebt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde in der Nähe von Edinburgh ein Hirschgeweih ausgegraben, dessen Stangenlänge links knapp 120cm betrug, die Stangenstärke knapp 22cm, und der ungerade 18 Enden trug. In Roxburghshire wurde ein ungerader 20ender ausgegraben, im Königlichen Museum zu Edinburgh ist ein Vollskelett eines ausgegrabenen Hirschs zu sehen, dessen Stockmaß bei knapp 140cm steht. Ein heutiger schottischer Hirsch übersteigt den Meter nicht allzu häufig. Gejagt wurden sie nicht auf der Pürsch, was bei den Waffen dieser Zeit auch wenig Sinn gemacht hätte.

Die Methode der Wahl war das Tinchel oder Tinchal: eine – wenn man so möchte – prähistorische Form des eingestellten Jagens. Im „Old Statistical Account of Scotland“ beschreibt Reverend Donald McLean im Jahr 1796 die Überreste der Anlage eines solchen Tinchels1 auf der Insel Rhum, die zu den Inneren Hebriden zählt:

Zu beiden Seiten eines Tals, das von zwei Hügeln gebildet wird, wurden beginnend auf ziemlicher Höhe des Berghanges Steinmauern gebaut, die – sich stetig verengend – zur Talsohle hinausliefen, bis sie sich einander auf drei bis vier Fuß (100-120 cm, Anm. d. Aut.) näherten. An diesen Engpass wurde ein kreisrunder Pferch ebenfalls aus Steinmauern errichtet, in einer Höhe ausreichend, um das Rotwild am Überfallen zu hindern.

Wie das Wild in diesem Pferch abgeschlachtet wurde, darüber schweigt sich der Reverend aus. Zu den Begrifflichkeiten: Tinchal oder Tainchell bezeichnet die Treiberwehr, der Pferch wird Eilerg oder Elrig genannt, und die Bezeichnung „Elrig“ oder „Elrick“ für bestimmte Revierteile ist in Schottland abundant. Die Methode datiert in Schottland, wie erwähnt, aus dem Neolithikum, aber sie wurde bis in die heutige Zeit beibehalten. In „Schottland, nicht nur der Hirsche wegen“2 beschreibt Friedrich Karl v. Eggeling, wie er in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein solches Tinchal organisierte. Davor gab es sie bis in die Renaissance zuhauf. Große Tinchals sind in den Jahren 15283 und 15634 bestätigt, die der Earl of Atholl für das schottische Königshaus veranstaltete und deren Berichte genaueren Aufschluss über Zahlen, Fakten und Kosten bieten: 2000 Treiber, Strecken jenseits von 300 Häuptern (inkludierend Wölfe und Rehe), Kosten von 1000 Pfund pro Tag – nach Warenkorb gerechnet wäre das mehr als eine halbe Million britischer Pfund. Zieht man die Übertreibung der geflissentlichen Hofberichterstatter davon ab, bleibt ein Hinweis: das Rotwild war den Grundherren damals etwas wert, speziell im kargen Hochland. In den Lowlands wurden Hirsch und Stuck damals eher zu Pferd bejagt, und der Schuss mit der Feuerwaffe auf das Wild stand unter Strafe. Mary Stewart, Königin der Schotten, belegte diese Form der Bejagung gleich mit der Todesstrafe, später wurde das in Geldstrafen abgemildert, die ihm recht milde erscheinen: 10 Pfund im ersten, 20 im zweiten und 40 im dritten Fall. Nach Arbeitswerten kommen wir hier allerdings schon für die Anfangsstrafe auf 30.000, nach Einkommenswerten gar auf 80.000 Pfund!5 In den späteren Jahren gediehen diese Jagden herab: weniger Wild kam auf, die Kosten blieben gleich oder stiegen, und in gleichem Maß sanken Qualität und Anstand. 1711 rief der dann schon Herzog von Atholl zu einem dreitägigen Tinchal. Der erste Tag ergab eine Nullstrecke, am zweiten Tag blieben 15, am dritten 32 Stück Rotwild in der Kammer. Zwei der Jäger, ein John Robertson aus Eastertyre und ein John Stewart aus Blair Atholl erschlugen damals ihre Hirsche mit dem Breitschwert – mitten entzwei6.

Der Name „Atholl“ fällt nicht umsonst so häufig. Die Ländereien des vormals gräflichen und heute herzoglichen Besitzes umfassen Gegenden, die dem Pürschjäger in den Highlands heute noch auf der Zunge zergehen: Beaniglo nur als Beispiel genannt. Wir haben es hier mit dem Kernland des „Highland Stalking“ zu tun. Und die Aufzeichnungen des Atholl’schen Besitzes geben interessante Hinweise auf die Jagd in diesem Besitz, beispielsweise was den Bedarf an Wildbret für die herzogliche Tafel angeht: Die Waldhüter des Besitzes wurden beispielsweise angewiesen, dass jeder pro Jahr 20 Stück Rotwild in der Küche abzuliefern habe. Dafür gab es als Lohn 20 schottische Pfund pro Jahr, und wurde das Soll nicht erfüllt, dann gingen von diesem Lohn pro fehlendem Stück Wild 40 Shillings, also 2 Pfund ab!7 Wie genau diese Jagd vor sich gegangen sein mag, das bleibt der Vorstellungskraft überlassen. Wahrscheinlich lag der Wald- und Wildhüter mit seinem Vorderlader-Schießprügel irgendwo auf der Lauer und hatte einen guten Hund zur Seite, der das sehr wahrscheinlich nur angebleite Stück dann stellte.

Aber im Grunde sind wir hier schon beim Stalking, das demnach ursprünglich eher eine Beschäftigung der Angestellten, denn der Herrschaft höchstselbst war – und die der Wilderer. Im November 1762 ging beim Verwalter des Duke of Gordon der Bericht eines seiner Waldhüter ein, der zwei Wilderer gestellt hatte. Der genaue Inhalt würde auch gut ins Bairische passen: wüste Beschimpfungen hin und her, Waffen im Anschlag, dann böse Rauferei, schließlich obsiegt der Mann des Herzogs. Interessant ist aber folgendes Detail, das Duff Hart Davies in „Monarchs of the Glen“8 beschreibt: einer der gefangen genommenen Wilderer verlegt sich aufs Bitten – aber nicht um seine Freiheit, sondern um seine Waffe! Er geht sogar so weit, dass er dem Waldhüter des Herzogs fünf Guineen dafür bietet, umgerechnet auf heute die stolze Summe von fast 700 Pfund. Der Waldhüter lehnt ab, um der Ehre willen. Denn er weiß genau: vor Gericht wird er den Wilderer nicht bringen können. Denn die Rechtsprechung der damaligen Zeit legt fest: Wildlebende Tiere, juristisch ferae naturae, sind nicht Eigentum des Grundbesitzers, sondern der Krone, und das auch nur auf dem Papier. Die Krone war weit weg, faktisch war Wild eine herrenlose Sache, an der sich jedermann ohne gröbere rechtliche Konsequenzen bedienen konnte – solange er die Auseinandersetzung mit den Angestellten des Grundherrn nicht scheute. Dass der mit reichlich wenig rechtlicher Rückendeckung gegen die freien Jäger vorging, scherte wenig. Schottland war groß und der König weit.

Von diesen Ur-Stalkern ist einer besonders erwähnenswert: ein gewisser Robert Graham of Dunurn, aus gutem Hause, aber verarmt. Eigentlich soll er Rechtsanwalt werden, aber den jungen Mann locken die Hügel und die Hirsche des gleichaltrigen Lord Strathalbane viel mehr, und es entwickelt sich eine typische Privatfehde zwischen Graham und seinem Jagdhund Farrum einerseits und dem Lord respektive seinem Oberwildhüter James Walker, vulgo Seamus More9. Diese Fehde, entstanden über dauerhafte Wilderei von Graham auf dem Strathalbane’schen Besitz, gipfelt in einer wüsten Verfolgungsjagd über Stock, Stein, hill, glen and corrie, an der der Lord persönlich teilnimmt. Sie endet für Graham in glücklicher Flucht, für den Lord endet sie mit Prellungen, Quetschungen und zwei gebrochenen Rippen im Bett. Und vom Bett aus verfasst er einen Brief an seinen Erzfeind Graham, den er durch Seamus More zustellen lässt: „Komm und jage weiter bei mir. Ich glaube wir haben uns ein Leben lang missverstanden!“

Ähnlich spannend, aber mit sehr viel mehr Realitätsbezug ist die Geschichte von Alexander Davidson10, der in den 1820ern ähnlich freizügig jagte wie Graham. Ihm wird nachgesagt, dass er von Braemar bis Aberdeen ziemlich geradeaus und ohne wesentliche Störung pürschen konnte. Das sind immerhin gute 80 Kilometer, wie die Krähe fliegt. Viele Landbesitzer ließen ihm freie Hand, andere drückten ein Auge zu. Der Grund: wenn er mal wieder einen Streifzug plante, dann fragte er vorher bei den Landbesitzern an: „Hätten Sie die Güte mich über Ihren Grund gehen zu lassen, wenn ich meine jährliche Tour unternehme? Ich verspreche, dass ich geradeaus gehen und nicht herumwildern werde. Ich erlege nur das, was mir direkt im Weg steht.“ Der Mann war ein bibelfester Kirchgeher, wird als guter Schütze und brillanter Tänzer beschrieben und endete sein Leben in den Hügeln von Glenbuchat unweit Braemar. Dort fand man ihn am 25. August 1843 tot auf dem Rücken liegend. Sein Jagdhund saß auf seiner Brust und hielt ihm letzte Wacht.

Gemälde „Chevy“ von Edwin Landseer: ein Jagdhund liegt eingerollt im Schnee neben einem toten Hirsch mit abgeworfenem Geweih, im Hintergrund zwei Vögel
Sir Edwin Landseer: „Chevy“ – Detroit Institute of Arts

Dieses relativ freie „Wildern“ auf die herrenlose Sache „Hirsch“ war der eigentliche Ursprung des Stalkings im schottischen Hochland. Die Wegbereiter sind namenlose Wilderer, Graham oder Davidson stehen als Solitäre da. Aber dass das Stalking zu dem wurde, was es heute ist, verdanken wir nicht nur ihnen, sondern speziell drei Männern, die hier genauer gewürdigt sein sollen: Colonel Thomas Thornton (1757-1823), William Scrope, Esq. (1772-1852) und Sir Edwin Henry Landseer (1802-1873).

Col. Thomas Thornton

Thornton war ein quirliger, kleiner Mann von erstaunlichen Körperkräften. Er ging(!) vier Meilen in 32 Minuten, was mehr als die doppelte Gehgeschwindigkeit des durchschnittlichen Mitteleuropäers ausmacht, er soll im Hochsprung die 175cm problemlos geschafft haben. Er jagte auf Fuchs zu Pferd mit eigener Meute, er war begeisterter Falkner – und er war ein ausgezeichneter Schütze. Sein Buch „A Sporting Tour Through the Northern Parts of England and Great Part of the Highlands of Scotland“ (Vernor & Hood Glasgow, 1804) ist eines der ersten Standardwerke über das Highland Stalking. Zwischen 1782 und 1789 machte er mehrere Touren durch das Hochland, sein Basislager hatte er meist in der Nähe von Kingussie am River Spey. Von dort aus beizte er auf Grouse und Schneehuhn, fischte Lachse und Forellen und jagte auf Rotwild. Wo er das tat, war ihm offenbar relativ egal. Er hatte zwar die Erlaubnis des ein oder anderen Landbesitzes, aber wo die Grenze war, kümmerte ihn kaum. Hatte der „Wilderer“ Davidson noch um Erlaubnis gefragt, marschierte der Colonel Thornton einfach drauf los. Engländer halt. Gelegentlich schloss sich ein Grundherr seinen Expeditionen an, aber meist eher auf Thorntons Einladung denn umgekehrt. Ironischerweise war er auf Rotwild eher wenig erfolgreich, denn in den 80ern des 18. Jahrhunderts war der Bestand auf ein Minimum herabgesunken: wir schreiben die Zeiten der industriellen Revolution, die dampfbetriebenen Spinnereien Nordenglands schrien nach Wolle, und wo sonst Hirsche röhrten, blökten jetzt im Hochland die Schafe. Dennoch riefen Thorntons Berichte andere junge Männer, die sonst nichts Besseres zu tun hatten, nach den schottischen Hügeln, und erste Anfragen nach Pachtmöglichkeiten kamen.

Vorerst waren große Flächen für den sprichwörtlichen Apfel unter Zugabe von einem Ei zu haben, aber schon 181211 weist der Duke of Gordon seinen Verwalter an, in der „Times“ zu inserieren, dass im Forst Glenfeshie der Abschuss zu verpachten sei. Die Interessenten waren offenbar des Lesens nicht mächtig, der Verwalter muss ein seltener Depp gewesen sein. Die meisten Antworten auf das Inserat lassen schließen, dass die Anfragenden aus England das ganze für eine Agrarofferte hielten: der eine will es umpflügen, der andre will Viehzucht betreiben und so weiter. Der Verwalter ist marketingtechnisch so unbeschlagen, dass er all diesen Interessenten das Land als unfruchtbar, unwirtlich und generell uninteressant beschreibt. Einer nur antwortet, dass ihn tatsächlich die Jagd dort interessiere. Und dem schreibt der Verwalter zurück, dass für Glenfeshie nur Jäger in Frage kämen, die sich a) mit Rotwild, Birk- Auer- und Moorhühnern auskennen und die b) zudem fit genug seien, um ein paar Wochen im offenen Bergland campieren zu können. Letztlich wurde Glenfeshie von einem Schotten erst für lächerliches Geld gepachtet und dann dem Herzog abgekauft.

Solche Fehler machte man bald nicht mehr, und die Jugend der englischen Gentry drängte gen Schottland. Beispiel: Horatio Ross (ein Patensohn von Lord Nelson) muss da oben ziemlich gewütet haben: 1828 pachtete er beim Duke of Atholl den Abschuss in Fealar und erlegte dort in einer Saison 87 Stück Rotwild, stand jeden Morgen um 3 Uhr Früh auf und war selten vor 8 Uhr des Abends zurück. Weitere Streckenmeldungen des jungen Mannes: 1837 in Sutherland 75 Stück, 1851 in Mar 118 Stück, davon dreizehn an einem Tag – mit vierzehn Schuss. Die Preise stiegen: ging Glenfeshie 1812 noch für 70 Pfund weg, so waren keine zwanzig Jahre später für ähnliche Flächen schon 300 Pfund und mehr zu bezahlen, heutigen Werts wären das – konservativ gerechnet – 18.000 Pfund. Aber immer noch war Rotwild eine zwar willkommene, aber dennoch nur Begleiterscheinung: es ging den Engländern in Schottland im Wesentlichen ums Niederwild, und die Grundherren investierten die Pachteinnahmen in die Hege. In nur drei Jahren wurden beispielsweise in Glengarry auf dem Besitz von Lord Macdonnell knapp 10.000 Stück Raubwild erlegt, und zwar Bodentruppe wie Luftwaffe12.

William Scrope

Mag sein, dass er sich durch solche Anstrengungen angelockt fühlte. Am 18. April 1822 geht beim Verwalter des Duke of Atholl ein Brief ein:

Sir, sollten Seine Gnaden der Duke of Atholl irgendwelche Jagdgründe von großer Ausdehnung besitzen, die in der nächsten Jagdsaison frei werden, so wäre ich bereit, mich um diese zu bewerben.

Auftritt William Scrope, Esq.13 Scrope sorgt dafür, dass kurz darauf an gleicher Adresse ein hochwertiges Empfehlungsschreiben beim Verwalter eingeht. Sir Walter Scott, nach Burns der zweitgrößte schottische Nationaldichter, lobt Scrope in höchsten Tönen. Der Erfolg: Scrope bekommt die Pacht. Wir halten kurz inne: während der „Wilderer“ Davidson in der benachbarten Grafschaft seine Grundbesitzer wissen lässt, dass er nur das mitnehme, was sich ihm in den Weg stelle, braucht Scrope höchste Empfehlungsschreiben, um die Jagd zu bekommen. Er bekam sie, und zwar in Bruar Lodge mit unsagbaren Ausmaßen: 55.000 Hektar, davon 21.000 nur für Rotwild, weitere 12.000 für Rotwild und Raufußhühner. Scrope schöpft daraus, schickt aber regelmäßig Wild in die Küche sowohl des Herzogs als auch seines Gönners Walter Scott. Ersterer bedankt sich mit einem kleinen Gedicht:

Meinen Dank, Herr, für das Wildbret, das sich niemals fand feiner
oder fetter auf einem Teller von dem ich sagen konnt’: „Meiner!“14

Der Herzog aber verlangt nach immer mehr Wild, so dass sich Scrope genötigt fühlt folgenden Brief zu schreiben:

Ein Zeichner in China bewarb einst seine Bilder damit, dass er hübsche Gesichter einfange. Einem jungen Mann, der zu ihm kam, beschied er aber: „Hübsches Gesicht ich zeichnen soll wie, wenn hübsches Gesicht nicht habe?“ So sage ich Euer Gnaden: „Dickes fettes Hirsch ich schießen soll wie, wenn dickes fettes Hirsch nicht finde?“15

Aber auch mit solchen gepflegten Frechheiten wurde es eine gute Freundschaft zwischen Pächter und Pachtherr.

Scropes Buch „Days of Deerstalking“ ist eine wunderbare Mischung aus Geschichte, Geschichten und Fachwissen, wovon er eine große Menge an den Tag legt. Allerdings nicht so sehr, wenn es an das Alter von Rotwild kommt. Gleich zu Beginn seines Buchs beschreibt er einen bestimmten Hirsch, den ein gewisser Glengarry im Jahr 1826 erlegte. Der Hirsch hatte am linken Lauscher eine Markierung, wahrscheinlich war er gekappt. Glengarry und fünf weitere Zeugen behaupten, dass das die Markierung von Ewen-mac-Jan-Og sei, der über dreißig Jahre hinweg alle Kälber, deren er habhaft werden konnte, so zeichnete. Allerdings war besagter Ewen damals schon 150 Jahre tot. Weiter berichtet Scrope von einem weißen Stuck bei Lochaber, und beruft sich auf Captain MacDonald of Tulloch, der das Stuck für mindestens 50 Jahre gekannt haben will, sein Vater ebenso, und dessen Vater nochmals 60 Jahre. Und so geht es seitenweise weiter.16

Über seine Waffe berichtet Scrope relativ wenig: es waren offensichtlich Steinschlossbüchsen im Kaliber 16. Perkussionsbüchsen waren zu seiner Zeit zwar bereits im Kommen, er lehnte aber jede Verwendung von Schießbaumwolle und ähnlichen Detonationsstoffen, mithin auch das in Zündhütchen verwendete Knallquecksilber ab. Anzunehmen ist, dass seine Waffen von Lancaster in Londons New Bond Street hergestellt wurden, Scrope widmet in der 3. Ausgabe seines Buches diesen Waffen ein ganzes Kapitel.17 Klar ist, dass er seine durchwegs erstklassigen Gewehre eher rau handhabte: In der Waffensammlung von Blair Castle sind 7 dieser Waffen enthalten, und das in bestem Zustand – bis auf die Schäfte, die ziemlich verbeult und verkratzt sind. Der Grund ist der, dass Scrope meistens drei dieser Gewehre bei sich hatte, weil Vorderlader eben etwas mehr Zeit zum Nachladen brauchen. Hatte er eine Büchse abgeschossen, ließ er sie einfach fallen, um sich die nächste reichen zu lassen. Ob das gute Gewehr nun auf Moos, in den Torf auf die Steine fiel, das war ihm ziemlich egal.18 Geld spielte wenig Rolle für den Mann aus gutem nordenglischem Hause – zu Zeiten hielt er sich drei eher elegante Landsitze samt diverser Jagdhäuser in Schottland in Pacht. Und von dort aus zog er dann jeweils los: drei bis vier Jagdhelfer, die Gewehre, Munition, Proviant und mehrere Jagdhunde mit sich führten, und vorneweg Scrope in dem, was er als die ideale Jagdkleidung betrachtete: Frack, enganliegende lange Hosen und dazu Stiefel aus Lackleder.19

Gemälde von Charles Hancock: ein Stalker in grüner Jacke führt ein scheuendes weißes Pony, links warten ein Junge und zwei Jagdhunde auf einer felsigen Anhöhe über einer Hochlandlandschaft
Charles Hancock: „Stalking Stags in a Highland Landscape“ – National Trust, Greenway (Art UK)

Der Mann hatte Humor – und genauso liest sich sein Buch: eine höchst unterhaltsame, von großer Detailliebe und von Fachkenntnis geprägte Geschichtensammlung über die Pürschjagd im schottischen Hochland.

Sir Edwin Landseer

1824 hatte Scrope einen Künstler zu Gast geladen, der nach Blair Atholl gekommen war, um das Rotwild in freier Natur zu studieren, und dieser Mann ist der dritte wichtige Wegbereiter des Highland Stalking: Sir Edwin Landseer. Landseer entwickelte eine tiefe Liebe für das raue Hochland und die Jagd dort – auch wenn er stets mehr Maler als Jäger blieb und kein allzu guter Schütze war. Er muss seine jeweiligen Jagdführer zur Verzweiflung getrieben haben, weil er es immer wieder zu Wege brachte nach langer, anstrengender Kriechpürsch durch Moor und Heidekraut, das Gewehr, das ihm der Stalker zum Schuss reichte, wegzuschmeißen und stattdessen sein Skizzenbuch auszupacken. Die Schotten fluchten dann ziemlich derbe auf Gälisch herum, bis sie merkten, dass Landseer selbst diese Sprache recht gut beherrschte, wonach sie sich etwas besser im Zaum hielten.20 Mit der Zeit lernten die Schotten den Mann schätzen, der Head Stalker der Campbells of Breadalbane, bei denen Landseer oft malend und jagend zu Gast war, beschrieb ihn als „nice wee mannie wha’ carried a braw rifle“, als nettes kleines Männchen mit einem hübschen Gewehrchen. Aus dem Munde eines Schotten und über einen Engländer ist das kein kleines Kompliment.

Tuschezeichnung von Edwin Landseer: ein röhrender Hirsch mit hochgereckter Schnauze und weit ausladendem Geweih steht auf einer Kuppe, dahinter Hügellinien
Sir Edwin Landseer: „A Bellowing Stag“, wohl 1840–1850, Feder in Braun – National Gallery of Art, Washington (Gift of William B. O’Neal)

Landseer im Gegenzug lernte die Schotten kennen und lieben, insbesondere eine Schottin: Georgiana, Duchess of Bedford. Jeden Herbst weilte der Künstler dort in ihrem Haus „The Doune“ bei Rothiemurchus zu Gast. Sie war deutlich älter als Landseer, der damals in den Zwanzigern stand, und hätte seine Mutter sein können. Der Herzog machte sich nichts aus Schottland, aus „The Doune“ und aus den bösen Gerüchten über die Aufenthalte des Malers bei seiner Gattin. Inzwischen geht die Familie davon aus, dass mindestens zwei der zehn Kinder der Herzogin von Landseer stammen.

Landseer malte in The Doune und den zugehörigen Jagdhäusern für Georgiana zahlreiche Frescos, die leider alle bis auf eines verloren gingen. Was blieb, sind seine zahlreichen Gemälde über Schottland: „The stag at bay.“, „The Deer Drive“, „The Deer Stalker’s Return“ und wohl sein bekanntestes Gemälde: „The Monarch of the Glen“ – ein wahrhaft majestätischer Hirsch vor der nebelumfetzten Kulisse der schottischen Berge, ein Kronenzwölfer, also das, was man im Hochland einen „Royal“ nennt. An dem Bild lässt sich auch im Ungefähren Landseers Popularität absehen: ursprünglich war es eine Auftragsarbeit für die Regierung, das Gemälde sollte einen Raum im Oberhaus schmücken, wurde dann anderweitig für knapp 900 Pfund verkauft, was heute bereits knapp 80.000 Pfund wären. Vierzig Jahre später hatte das Bild bereits den zehnfachen Wert. Als Landseer 1873 starb, hinterließ er ein Vermögen von (auf heutigen Wert gerechnet) fast 13 Millionen Pfund Sterling.

Landseer hatte mit seinen Gemälden nicht gerade eine Schottland-Hysterie ausgelöst, aber seine Bilder und die Bücher von Thornton und Scrope sowie die Berichte zahlreicher anderer Herren, die das Jagen im Hochland schätzen und lieben gelernt haben, sorgten mit dafür, dass am 29. August 1842 ein Schiff in Woolwich ablegte: die Royal George, die Yacht Ihrer Majestät Königin Victoria und ihres Mannes Prinz Albert.

Der Rest ist bekannt: Landgang, augenblickliche Verliebtheit, mit der Zeit Ankauf des Schlosses in Balmoral. Spätestens von dem Moment an war Schottland das, was man heute „hip“ nennen würde – und damit alle Jagd dort. Und auch wenn in den meisten Augen englischer Jäger bei der Erwähnung der Highlands Grouse glänzen und keine Hirsche – das Stalking bleibt für die, die es einmal gemacht haben, eine der denkbar aufregendsten und erfüllendsten Jagdarten.

Bromley-Davenport beschreibt sie in etwa so: „So winde ich mich einem Wurme gleich voran durch nasses Moos und schwarzen Torf in inniger Umarmung, ja, im leidenschaftlichen Kuss dem Busen von Mutter Erde verbunden – so schmutzig er hier auch sein mag – und ziehe mich an den Wurzeln des Heidekrauts oder am groben Gras voran, wage kein Glied meines Körpers zu rühren anders als in horizontaler Richtung, für eine Strecke, die sich wie Meilen erstreckt und in Wahrheit wohl nur wenige Yards beträgt.“21 Er hat recht mit seiner Beschreibung: genau das ist Highland Stalking. Und so gesehen ist es kein Sport für Gentlemen. Aber ich bin ja auch kein Gentleman.


  1. Old Statistical Account of Scotland of 1791-99, vol. 17 p.275 Small Isles, County of Inverness ↩
  2. „Schottland, nicht nur der Hirsche wegen“, F. v. Eggeling, H. Uhl, Neumann-Neudamm 1995, S. 159 ↩
  3. „Monarchs of the Glen“, Duff Hart Davies, Jonathan Cape London 1978, S. 24 ↩
  4. „Der Deerhound“, A. Norah Hartley, „Der Windhundfreund 120/81“, S. 2 ↩
  5. http://www.measuringworth.com/ppoweruk/ ↩
  6. Old Statistical Account of Scotland of 1791-99, vol. 2 p.479, Blair Atholl, County of Perth ↩
  7. „Monarchs of the Glen“, Duff Hart Davies, Jonathan Cape London 1978, S. 33 ↩
  8. „Monarchs of the Glen“, Duff Hart Davies, Jonathan Cape London 1978, S. 37 ↩
  9. „Forest Sketches – Deer Stalking and other sports in the Highlands fifty years ago“, William Robertson, Edmonston & Douglas Edinburgh, 1865 ↩
  10. „The romance of poaching in the Highlands of Scotland“, William McCombie Smith, E. Mackay Stirling 1904 ↩
  11. „Monarchs of the Glen“, Duff Hart Davies, Jonathan Cape London 1978, S. 67 ↩
  12. ebenda, S. 79, 80 ↩
  13. „Days of Deer Stalking“, William Scrope, John Murray London, 3rd Edition 1847 ↩
  14. ebenda, S. 32 ↩
  15. Chronicles of the Atholl and Tullibardine families, collected by John, 7th Duke of Atholl, K.T., Edinburgh 1908 ↩
  16. „Days of Deer Stalking“, William Scrope, John Murray London, 3rd Edition 1847, Band IV, S. 371 ↩
  17. ebenda, S. 149ff ↩
  18. ebenda, S. 321 ↩
  19. „Kings of rod, rifle and gun“, Thormanby, Vol II., Hutchinson & Co, London 1901, S. 423 ↩
  20. ebenda, S. 614 ↩
  21. „Sport“, W. Bromley-Davenport, Chapmann and Hall Ltd. London 1885, S. 199 ↩

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Ein Kommentar

  1. Fabelhaft und berührend. Als junger Mann habe ich Einladungen über meine Großmutter väterlicherseits, die Schottin war, erhalten und Deine Zeilen brachten mir die Erinnerung zurück, als sei es gestern gewesen. Doch es sind immerhin 6 Jahrzehnte verflossen seither. Danke, lieber Bertram.

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