Einzelwesen

Ein kleiner Anreißer aus meinem in Bälde erscheinenden neuen Buch „Abends am Kamin“.

Wenn es stimmt, dass die Dummen das Glück gepachtet haben, dann muss ich als junger Jäger sehr dumm gewesen sein, besonders was Niederwild angeht. In meiner Kindheit im Allgäu war Niederwild freilich ein ungekanntes Ding, da gab es so gut wie nichts. An einem oder zwei Waldtümpeln mochten vielleicht ein oder zwei Enten sitzen. Gelegentlich mochte einem auf der Höhe ein dicker Waldhase über den Weg hoppeln. Ansonsten gab es Eichelhäher, aber die wurden ebenso wenig geschossen wie Hasen oder Enten. Es war halt ein Rehwildrevier. Die Mutter machte sich nichts aus dem Schuss mit der Flinte, der Vater war ein begeisterter Schrotschütze, aber wenn er die Flinte nahm, dann wollte er sie so bald nicht absetzen. Kleine Strecken waren da wenig interessant. Ihm ging es da um zwei Dinge: Menge und Masse. Die fand er in Spanien, in Schottland und in Österreich. Gelegentlich durfte ich als Schulbub mitgehen, dann konnte ich erleben, wie glücklich er war, wenn Hühner und Fasane in guter Höhe und in großen Mengen anstrichen und er sie gut traf. Mit den Jahren hatte er sich zum recht passablen Schrotschützen hochgeübt, ein Meister der Flinte, von dem Annalen zu berichten gewusst hätten, ist er nie geworden.

Als ich meinen ersten Jagdschein Mitte der 80er Jahre in Österreich erworben hatte, war die Flinte erst einmal die Hauptwaffe für mich. Mein Ziehonkel und Lehrprinz Talli Schönborn befand ganz richtig, dass ein junger Jäger noch nicht mit der Büchse zu gehen hatte. Der sollte erst einmal den glatten Lauf beherrschen lernen. Da geht es mir so wie meinem Vater: passabel bin ich geworden, wirklich gut werde ich wohl nie sein. Es gibt an der Flinte Talente. Die heben so ein Ding auf, schauen drüber, drücken ab und das Ziel fällt. Und dann gibt es diejenigen, die das lernen und stetig üben müssen, wollen sie denn nicht nur leere Bahnen in den Äther fräsen. Zu denen darf ich mich zählen, und mit dem stetigen Üben ist das so eine Sache. Ich schieße zwar leidenschaftlich gern Tontauben hinterher und komme da auch auf meine 70 bis 80 Trefferprozente, aber ein Zuviel an Tontauben – das habe ich inzwischen auch begriffen – ist beim Schuss auf Wild nicht das Maß aller Dinge, eher im Gegenteil.

Warum das, wenn nun doch alle sagen: viel üben, dann wird das auch? Nun: zum einen wird eine Tontaube vom Moment, in dem sie die Maschine verlassen hat, stetig langsamer. Wild wird aber schneller. Dann kann ich eine Tontaube in dem Moment abrufen, in dem ich optimal vorbereitet und darauf eingestellt bin. Ich habe das mit dem Abrufen von Wild noch nicht probiert, ich denke aber, dass sich Fasan, Ente, Huhn oder Taube herzlich wenig drum kümmern werden. Und zuletzt: die Flugbahn einer Tontaube kenne ich, die habe ich mindestens einmal gesehen und sie analysiert. Wild fliegt, wie es will. Wenn einer ein geübter Niederwildschütze sein will – so er denn kein talentierter solcher ist – so muss er auf Wild geübt sein. Man verstehe das nicht falsch: Wild kann und darf nie ein Übungsgegenstand sein. Aber ohne regelmäßig eingearbeitete Routine auf Niederwild wird auch der geübteste „Gelernte“ immer nur bestenfalls oberes Mittelmaß bleiben. 

Diese Routine stellte sich bei mir mit der Zeit ein. Mein Vater ließ mich großzügig in seiner niederösterreichischen Jagdgesellschaft mitjagen, später hatte ich selbst einen festen Stand dort. Ich kannte die Jagd genau, wusste genau wie die Vögel fliegen, bei welchem Wetter, bei welchem Wind. Dann traf ich sie auch irgendwann, dann hatte ich Routine. Und: hat man sich in einem Trieb, in dem man guten Anflug hat, einmal wirklich eingeschossen, sind Auge und Hand aufeinander angestellt, dann kommt man wirklich dahin, dass man das Wild nur noch anschauen muss, und es fällt im Schuss. Seitdem weiß ich: die schwersten Schüsse auf der Jagd sind nicht die hohen und die weiten Vögel, die schwierigsten Vögel sind die ersten fünf, die anstreichen. Fallen drei von denen, kanns ein guter Tag werden, fallen alle fünf, dann ein sehr guter. Fallen weniger als drei, wird es ein saures Arbeiten. 

Ich will hier aber nicht von den ganz guten Tagen erzählen, von den ganz sauren auch nicht. Denn von all den guten, schönen, großen, kleinen harten und sauren Tagen sind letztlich nur grobe Gesamtaufnahmen geblieben: die Gesichter weiß ich noch, das Lachen, die Witze und Frotzeleien, die Stimmung. Aber vom Wild bleibt dann doch nur eine Strecke X, die im Schussbuch steht. Diese Tage waren schön, und keinen davon will ich missen. Aber Einzelwesen sind nur ganz wenige geblieben. Und von denen will ich erzählen. 

Die „Schatten-Ente“

Tags zuvor war ich 28 geworden. Eine große Feier hatte ich nicht veranstaltet, eben wegen dieser Jagd. Man kann nicht verkatert mit einem geladenen Gewehr über den Acker laufen, auch so eine gemachte Erfahrung. Es war ein mittelguter Tag für meine Verhältnisse. „Nicht viel Anflug, den aber brauchbar genutzt“, sagt die Notiz im Jagdtagebuch. Dieser Oktobertag war einer der sogenannten „kleinen Tage“ in der Jagdgesellschaft Trumau. Sie fanden vor den großen Hauptjagden statt, an denen acht Schützen mit Schwesterflinten und Lader mehrere hundert Fasanen schossen. Die „kleinen Tage“ hatten dieselbe Anzahl Schützen, die Strecke lag weit darunter. Es waren in sechs bis sieben Trieben bestenfalls zwei Vorstehtreiben. Ansonsten buschierten wir Windschutzgürteln entlang die Felder durch, und vorn stellten sich zwei Schützen ans Haupt. Es war ein gemütliches Bummeln über den Acker, unterbrochen von frenetischem „Tiro, Tiroooo!!!“-Gebrüll, wenn prasselnd und gockend ein Hahn aufstand. „Ausstreichen lassen!!“, schrie der Oberjager Neubauer dann sofort, aber oft genug versank der Vogel dann doch in einer dichten Federwolke auf schamvoll kurze Distanz. „San se deppert, se Gulaschierer?“ – so oder ähnlich wurden derartige Großtaten vom Oberjager quittiert. 

Anfangs meiner dortigen Jahre hatte ich selbst diesem Schimpf häufig auf mich gezogen, jung, dumm und schussgeil wie ich war. Wenn ich die Vögel ausstreichen ließ, dann waren sie zu weit und flogen zwar beschossen, aber unbehelligt weiter. Patronen waren teuer, und zwei Schuss für nix kosteten soviel wie eine Wurstsemmel.  Später, als ich mit der Flinte besser zurechtkam, fielen solche Buschiergockel öfter, und irgendwann auch auf weite Distanz. Enten – deren es in Trumau wenige gab, deswegen galten sie besonders viel – waren eigentlich sicher vor mir. Egal was ich tat, die fielen nicht. Ich ließ sie deswegen meist unbeschossen. Wurstsemmeln sind etwas Köstliches.

Am beschriebenen Tag – es dürfte der vorletzte Trieb am Nachmittag gewesen sein – latschte ich auf dem Acker neben einem Windschutz her. Herbstsonne brannte, im ausgetrockneten Mais neben mir war nichts aufgestanden auf der ganzen Länge, auf der anderen Seite hatte es zweimal „Has, Has!“ geheißen, mit nachfolgendem Sperrfeuer und keinem Befehl zum Apport. Fad wars, langweilg fad. Der Lehmboden klebte in dicken Sondersohlen unterm Stiefel und wog ordentlich, die neuerstandenen Tweed-Knickerbocker sahen zwar extrem kleidsam aus, waren aber viel zu heiß für den Tag. „Siedeschritt“ ist das Wort, was ein hessischer Freund mal dafür geprägt hat. Der Leser kann sich das wahrscheinlich vorstellen. 

Gottseidank würde es nicht mehr lang dauern. 

Von den Vorstehschützen trennte mich kein Schrotschuss mehr, die hatten ihre Flinten ohnehin schon gebrochen. Im ganzen Trieb war herzlich wenig gewesen, und soweit konnten sie das schüttere Ende des Windschutzes und die beiden Maisstreifen zur Linken und zur Rechten einsehen, dass sie wussten: „Trieb vorbei. So gut wie.“  Ich trottete langsam, müde und gesenkten Hauptes auf die Straße zu, die gebrochene Flinte in der Armbeuge.  Grad war ich auf dem breiten Vorgewende, als ein Schatten über den Boden glitt, von rechts kommend, schnell und klein. Instinktiv hob ich den Kopf: weit oben, sehr hoch droben strich eine Ente. Einzeln, einzig an diesem Tag. Ein kurzer Blick auf die Flinte: geladen war sie noch. Abermals ein Blick zur Ente hoch: zu hoch eigentlich, für mich auf jeden Fall. Ob die Latschen erkennbar waren? Nicht in dem Licht. Aber: ein Erpel wars, das konnte ich sehen. Und: jeder konnte mich sehen, das sah ich auch. Alle Schützen und Treiber samt Oberjager und Hundeführern waren aus dem Trieb und standen am Ende des Windschutzes, und jeder konnte Ente und Schütze sehen, jeder konnte erkennen: Der Quadt schaut.

Was jetzt, Quadt? Schießt Du hin, schießt Du nicht hin? Schießt Du hin, schießt Du eh vorbei, das ist sicher. Schießt Du nicht hin, lässt Dich jeder das wissen und spüren. Es muss das „Es“ gewesen sein, wie Freud es beschreibt, oder das „Über-Ich“, dass die Entscheidung gefällt hat. Ich war es sicher nicht. Ich schoss nicht, es schoss mich, sozusagen. Irgendwie schloss sich die Flinte, irgendwie kam sie richtig an den Kopf, brach der Schuss, fiel der Erpel. Er fiel lang. Sehr lang. Landete so knapp vor den Füßen des Oberjagers Neubauer, dass der einen Schritt zurückmachen musste. „Des mog i. Darschiassn dans mi nimma, oba jedsd woins me daschlong!“ (Übersetzung für die der niederösterreichischen Sprache unkundig, wobei damit viel von der Schönheit des Gesagten verloren geht: ‚Das gefällt mir! Bei ihnen laufe ich inzwischen nicht mehr Gefahr erschossen zu werden. Dafür versuchen Sie inzwischen offenbar, mich zu erschlagen.‘)

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