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Gedanken zum Thema Waidgerechtigkeit

Jägerseele

Erfahrungen eines waidgerechten (Rehwild-)Jägers

Reinschrift des Impulsreferats zum Landesjägertag Baden-Württemberg
25.07.2026, Schwäbisch Gmünd

Einstieg

Man denkt an nichts Böses, geht brav auf die Hegeringversammlung seiner örtlichen Kreisjägerschaft, und dann kommt da so ein Landesjagdverband-Geschäftsführer daher und drückt einem einen Zettel in die Hand. Ich habe den heute noch. Da steht: „Landesjägertag, 25.07.26, Impulsreferat, 15 Minuten. ,Jägerseele – Erfahrungen eines waidgerechten Rehwildjägers‘“ – Der Titel dieses Vortags ist also nicht auf meinem Mist gewachsen.

Und ehrlich gesagt habe ich René Greiner in diesem Moment erst mal verflucht. „Erzähl mal was über Waidgerechtigkeit“. Danke sehr. Solche Vorträge bewegen sich meist irgendwo im Spannungsfeld zwischen Totalanästhesie und Scheinheiligkeit.

Aber dann habe ich mich doch ein wenig eingehender mit der Fragestellung beschäftigt, und heute bin ich René sehr dankbar dafür.

Denn dieser Titel hat mich in ein regelrechtes Fragenkarussell gestellt – und aus diesem Karussell bin ich bis heute nicht mehr ausgestiegen.

„Bin ich waidgerecht? Ich frage mich das nach Jahren als Rehwild-Jäger noch immer – und ich glaube, das ist gut so.“

Wenn ich sage Jahre, dann sind das heute ein wenig mehr als vierzig davon. Lange Pirschen,  viele Morgen am Ansitz, Momente, die gutgingen, solche, in denen alles schiefging und solche, die mich nachdenklich gemacht haben. Und je länger ich jage, desto weniger traue ich mir eine endgültige Antwort zu.

Ich vermute, die Frage stellt sich jeder hier irgendwann: „Bin ich waidgerecht“.  Und danach unweigerlich: „Was IST waidgerecht?“

Eine Antwort habe ich nicht fertig. Aber ich will euch mitnehmen, wie ich versuche, eine zu finden.

„Waidgerechtigkeit steht in keinem Gesetz oder Kodex vollständig erklärt. Und ich glaube, genau das ist ihre Stärke.“

Ich habe gerade gesagt, ich habe keine fertige Antwort. Und damit bin ich wahrscheinlich nicht allein. Vielleicht liegt das daran, dass der Begriff Waidgerechtigkeit es gar nicht erlaubt, eine Antwort abzuschließen. Das ist vielleicht das Beste an diesem Begriff, weil er in seiner Unbestimmtheit an drei Ebenen appelliert.

Der Begriff: Können, Dürfen, Verantworten

Da ist zunächst das Können: reines Handwerk – finden, ansprechen, schießen können, den Moment richtig einschätzen. Ganz ausgelernt ist das nie.

Dann das Dürfen: Das ist schon einfacher, denn da gilt das Gesetz – Schusszeit, Schonzeit, Waffenrecht. Klar geregelt.

Und schließlich das Verantworten – die schwierigste der drei Ebenen: Kann ich diesen Schuss vor mir selbst rechtfertigen?

Und es müssen schon alle drei Ebenen gefüllt sein, denn:  Wer darf und verantworten will, aber das Können nicht hat, richtet Schaden an. Wer kann und darf, aber nicht verantwortet, drückt einfach ab. Und da komme ich an einen Punkt, der für mich entscheidend ist.

Die Maxime – und ein Satz, der elegant klingt


„Wenn ich mich je dabei ertappe, ein Tier zu töten, nur weil ich es kann – dann höre ich auf zu jagen. Dann wäre ich, auch im christlichen Verständnis, im Bereich der Todsünde.“

Es gibt da einen Satz, den viele Jäger gerne zitieren, wenn es um genau diese Frage geht, wie sie ihr Jagen verantworten können:

„Ich jage nicht, um zu töten. Ich töte, um gejagt zu haben.“

Dieser Satz stammt von José Ortega y Gasset und wird gern von Jägern im Mund geführt. Dazu sollte man aber wissen, dass Ortega y Gasset kein Jäger war, sondern ein Soziologe. Der Satz stammt aus dem Vorwort zu den jagdlichen Memoiren des Grafen Yebes „Veinte años de caza mayor“ – „Zwanzig Jahre Hochwildjagd“. Dieses Buch ist verschollen, übrig geblieben ist das etwas ausufernde Vorwort dazu: „Mediationen über die Jagd“, und man muss seinen Ortega schon ganz gelesen haben, um diesen Satz einzuordnen. Denn so, für sich genommen, reicht er nicht aus.

Ich finde diesen Satz einen Zirkelschluss. Ich jage nicht um zu töten. Das ist der erste Teil. Ich töte, um gejagt zu haben. Wenn ich also nicht getötet hätte, hätte ich ja gar nicht gejagt – nach dieser Logik. Da hebt der erste Teil den zweiten auf.

Solche Sätze klingen elegant, aber sie nehmen mir die Verantwortung ab, statt sie mir zu geben.

Ein kalter Maimorgen

Um diese drei Ebenen an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Ein ungewöhnlich kalter, nasser Maimorgen.
Ein Jahrling steht vor mir. Gepasst hätte er.
Aber dann dieser Gedankengang:
Der will doch auch nur leben.
Muss es jetzt sein? Muss es hier sein? Oder kann ich auch sagen: nicht heute?

Ich habe abgebrochen, habe nicht geschossen. Dabei hätte ich gekonnt, und gedurft hätte ich auch.

Niemand hat zugesehen, an diesem Morgen. Kein Gesetz hätte mich gezwungen zu schießen. Also: vor wem genau habe ich mich in diesem Moment eigentlich verantwortet?

Denn eine Instanz, die mich kontrolliert, könnte ich fürchten oder ihr genügen. Aber ich selbst bin nie ganz fertig mit mir.

Das ist die dritte Ebene – das Verantworten – ganz konkret, in einem einzigen Moment, auf einer kalten Wiese.

Nachhaltigkeit – ein Begriff, der sich umgedreht hat

Wo lasse ich mich selbst von Sätzen oder einem Wort leiten, ohne die zu hinterfragen?

Ein Wort, das Förster und Jäger gleichermaßen ständig benutzen, ist „Nachhaltigkeit“.

Das ist primär ein forstlicher Begriff und taucht erstmals 1713 auf, bei Hans Carl von Carlowitz, in seiner „Sylvicultura oeconomica“.

Jagdlich tritt dieses Wort erst mehr als hundert Jahre später auf die Bühne, nach 1848. Damals fällt das Jagdregal der Landesherren und des Adels. Die Jagd wird an Grund und Boden gekoppelt und für alle Bürger geöffnet. Der Erfolg: Es wird so massiv überjagt, dass die Bestände rapide sinken. Da übernimmt die Jagd den Begriff „Nachhaltigkeit“ als Mahnung zur Mäßigung.

Heute sind wir unter forstlichem Titel gefordert, möglichst viel zu schießen – der Begriff wird zur Forderung nach Maximierung.

Das ist fast eine Umkehrung des Begriffs. Aus einem Wort, das einst zur Mäßigung gemahnt hat, ist eine Forderung nach dem Gegenteil geworden – bei gleichem Namen.

Ich erwische mich selbst dabei, dieses Wort zu benutzen, ohne mir das jedes Mal klarzumachen.
Aber wenn ich mich von einem Wort leiten lasse, ohne es zu hinterfragen – wessen Entscheidung ist es dann noch?

Mein Großvater, Herzog Albrecht von Bayern, hat mir einmal einen Satz gesagt, der mir zu einer Art Maxime geworden ist.

„Man darf sich nicht gemein machen.“

— Herzog Albrecht von Bayern

Sich gemein machen heißt für mich: sich mit etwas verbünden, das einem die eigene Entscheidung abnimmt. Und diese Falle stellt sich nicht nur gegenüber dem forstlichen Auftrag – auch gegenüber den eigenen Vorurteilen.

Die Jungen und die Jagd

Ich habe die sogenannten „Jagdfluencer“ lange Zeit scheel beäugt. Und ehrlich gesagt: nicht ganz ohne Grund.

Dann kam eine Einladung zur Jagdmesse Dortmund, ich sollte dort Referate über Blattjagd halten. Ich sagte zu und fand mich auf der Standfläche von „Hunt on Demand“ wieder. Da war ich in die Konfrontation gezwungen mit denen, die ich so argwöhnisch und ablehnend angesehen hatte. Da war kein Ausweichen mehr möglich.

Meine erste Erkenntnis: Die sind keinen Deut besser als wir „Alten“. Sie lernen wie wir, sie machen Fehler wie wir.

Meine zweite Erkenntnis: Viele von ihnen wissen sehr genau, wovon sie reden, und viele jagen handwerklich sehr sauber.

Mit anderen Worten: im Großen und Ganzen gesehen sind sie nicht besser oder schlechter als wir Alten. Sie haben andere Möglichkeiten der Außendarstellung – aber hätte meine Generation die schon gehabt, sie hätte sie ebenfalls genutzt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch deswegen sage ich hier und heut das, was ich auch schon auf dem Bundesjägertag vor zwei Jahren gesagt habe:

„Uns Alten gehört die Jagd nicht mehr. Wir üben sie nur aus. Sie gehört den Jungen – und die müssen sie für ihre Generation prägen, so wie wir das für unsere getan haben.“

Auch was die junge Jägergeneration angeht, hatte ich mich mit meinem eigenen Vorurteil gemein gemacht, statt selbst hinzusehen.

Hinsehen verpflichtet uns aber auch, da hinzuschauen, wo es weh tut.

Ich freue mich über immer mehr Jagdscheinabsolventen. Aber zugleich gibt es immer mehr Jagdschulen mit minimalen Präsenztagen – die Wissensvermittlung findet fast ausschließlich online statt.

Schießen, Recht, Wildkunde – das lässt sich in Kursen und am Bildschirm vermitteln. Aber was ist mit dem Rest?

Den Jahrling auf seine Reife beurteile, eine jagdliche Situation richtig einschätzen, im Morgengrauen, in wenigen Sekunden. Einen Hochsitz bauen, eine Äsungsfläche anlegen, eine Salzlecke so platzieren, dass sie dem Wild nützt und nicht schadet. Den Anschuss suchen – bei Regen, im Dunkeln, ohne Anhaltspunkt.

Das sind keine Randthemen. Das ist Jagd. Und das lernt man nur neben jemandem, der es kann – und der sich die Zeit nimmt, es zu zeigen.

Die Frage, die sich mir stellt: Wenn wir sagen „Die Jagd gehört den Jungen“ – bereiten wir die Jungen dann auch wirklich darauf vor?

Oder lassen wir es einfach zu, dass es Bundesländer gibt, deren Jagdprüfungsordnung null Praxisstunden? Das sind dann ideale Ziele für den Prüfungstourismus der Sieben-Präsenztage-Schulen.

Auch hier gilt: sich nicht gemein machen. Nicht mit einem System, das Jagdscheine produziert, statt Jäger zu bilden.

Rückschau

Was ist waidgerecht, bin ich waidgerecht? Ich habe ganz am Anfang gesagt: eine fertige Antwort habe ich nicht.

Aber wir sind heute ein Stück des Weges gemeinsam gegangen. Bei der Frage, was Können, Dürfen und Verantworten bedeuten. Bei einem Jahrling an einem kalten Maimorgen. Bei einem Wort wie „Nachhaltigkeit“, dem ich zu wenig hinterhergefragt habe. Bei einem Vorurteil, das ich gegenüber jungen Jägern, die moderner, anders jagen, erst ablegen musste. Bei der Frage, wie wir es mit der Ausbildung der Jägerinnen und Jäger halten.

Was alle diese Momente verbindet, ist vielleicht das: am Ende war es immer ich selbst, der entscheiden musste. Nicht das Gesetz, nicht der Forstbetrieb, nicht die alte Gewohnheit.

Und da steht wieder dieser Satz meines Großvaters:

„Man darf sich nicht gemein machen. Sonst wird man gemein.“

Schlusswort

Doch was ist mit der Eingangsfrage nach dem Inhalt der Waidgerechtigkeit? Ich habe keine abschließende Antwort darauf – und das ist gut so. Denn wir alle müssen uns unsere eigene ehrliche und rechtfertigbare Antwort geben. Nun können wir Menschen allerdings mit reiner Unbestimmtheit schlecht leben. Wir brauchen etwas, an dem wir uns halten.

Ich könnte es jetzt so halten wie Bertolt Brecht. Der lässt sein Publikum am Ende seines Stückes „Der gute Mensch von Sezuan“ mit den Worten zurück: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“
Brecht gibt die Sache einfach weiter.

Das könnte ich heute auch tun. Aber ich will euch nicht ganz allein lassen. Ich habe lange nach einer Richtschnur gesucht. Die beste, die ich kenne, stammt nicht von mir. Sie stammt von Friedrich Graf Czernin. Der hat in den 1930er Jahren, als er auf der Flucht vor den Nazis in London im Exil saß, ein langes Gedicht über die Jagd verfasst, dass dann zu einem kleinen Büchlein wurde: „Die Jagdfibel“. Das ist sehr schön und unterhaltend und wunderbar illustriert von Eugen Graf Ledebur. Dieses Gedicht endet mit einer Strophe, die eigentlich alles enthält, was notwendig ist:

Zuletzt noch eines: Stets bedenk,
ein Tag im Wald ist ein Geschenk!
Mit leerem Rucksack heimwärts geh‚n,
ist wahrlich keine Schande; denn:
Das wär kein rechter Jägersmann,
der nicht beständig dächte dran,
dass ihm das Schicksal viele Leben
zum Hüten in die Hand gegeben.

Das wär‘ kein Jäger, dem der Schuss
wär‘ der alleinige Genuss,
das wär‘ kein Jäger, der vergisst,
dass er der Schöpfung Arm nur ist.

Das wär‘ kein Jäger, der vermessen
sich könnt‘ auf kurz nur zu vergessen,
dass er trotz aller Allmacht nur
ein kleines Stück ist der Natur.

— Ferdinand Graf Czernin, Jagdfibel

Mehr muss ich dazu nicht sagen. Das trägt mich seit Jahren – vielleicht trägt es auch euch.

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