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Der Dießener Einfänger

 

Es hat möglicherweise einige Jahre, ein bestimmtes Buch und auch ein wenig Erwachsenwerden gebraucht, bis ich es begriffen habe. Aber – dem himmlischen Vater wie dem irdischen (von dem ich wahrscheinlich das Hirn in meiner Rübe habe, Segen und Fluch zugleich!) gedankt – irgendwann habe ich es dann nach einigen Jahren doch gemerkt: Die Blattjagd ist es, über die mir nichts geht, die Blattjagd auf den roten Bock im Sommer. Von Kind auf hat mich dieser Zauber gepackt, und zähle ich heute nach, dann habe ich, seit ich als fünfjähriges Büble das erste Mal mit hinaus durfte, kaum einmal eine Blattzeit versäumt. Ein Jahr ohne Blattzeit ist ein verlorenes solches.  Auch wenn es Jahre gibt, in denen die Böcke nur zäh reagieren, weil ich Zeit und Ort falsch gewählt habe, so ist doch zumindest immer einer dabei, der auf den Ruf stürmisch ankommt, der nach aller Regel richtig springt. Ob der nun fällt oder nicht, ist sekundär. Dass ich ihn herrufen konnte, das ist bereits „Erfolg“.  Ist er dann auch noch passend, gelingt dann auch noch ein sauberer Schuss, trägt der Gast oder Freund, den ich führe oder trage ich dann einen grünen Bruch am Hut, dann kommt das Erlebnis der Seligkeit schon recht nah, zumindest so, wie ich diesen Begriff interpretiere.

Seit mir vor 20 Jahren mein englisches Juwelenrevier in den Schoß fiel, hatte ich anfänglich jede Blattzeit dort verbracht und maßlos genossen im Entdecken aller geheimen Orte dieses Flecken Erde. Das ging wohl ein Dutzend Jahre so, bis meine Freunde deutlich machten, dass sie mich nicht nur Winters bei Jagden auf Sauen oder Flugwild sehen wollten, sondern auch Sommers auf den Bock. Anfangs versuchte ich es so zu halten, dass ich in geraden Jahren eine Blattwoche in England und eine bei den Freunden verbrachte, in den ungeraden aber die ganze Blattzeit dem Kontinent widmete. Inzwischen gehört die Blatterei rein dem Kontinent. Ich versuche, mich dann nach dem Vorbild von Philipp Graf Meran zu verhalten und mich wie ein jagdlicher Mähdrescher von der Ebene ins Gebirge zu blatten. Dank überaus großzügiger Freunde gelingt das auch. In den vierzehn Tagen einer kontinentalen Blattzeit, wie ich sie mir gönne, schaffe ich normalerweise sechs bis sieben Reviere, wenn ich abends an- und nach zwei Übernachtungen sowie der Frühpürsch wieder abreise. 

Aus diesen Fahrten ist nun ein Buch entstanden. Wohin es den Leser führt, zeigt diese Karte. Und was der Leser erfahren kann, das mag die unten erzählte Geschichte anzeigen.

 


Herrjesses, war ich damals noch dumm. Dumm, jung und unerfahren. Etwas erfahrener bin ich mittlerweile, älter auch, dumm werde ich wahrscheinlich auf die ein oder andere Art und Weise immer bleiben. Und Hans Caspar hatte eine Eselsgeduld mit mir, der ich damals grad den vierten Jagdschein gelöst hatte. Große Geduld und große Nächstenliebe. Denn damals war ich in dem Alter, in dem man grundsätzlich mit den Eltern „überzwerch“ ist. Man weiß ja schon alles, man will aber schon gar nichts mehr beigebracht bekommen. Man will seine eigenen Fehler machen dürfen. Ich hab’ genug davon gemacht, auch bei Hans Caspar. Doch diese rare Sorte Freunde läßt solche Fehler leichter zu als die eigenen Eltern. Vielleicht, weil sie einst durch die gleiche Schule gegangen sind wie die Eltern, vielleicht, weil sie genau deswegen wissen, dass Fehler, die die Jungen machen, keine eigene Schande sind, die das eigene Versagen straft, sondern Notwendigkeiten, die wachsen lassen und erwachsen machen.

Er hatte mich angerufen, vor Jahrzehnten: „Du, ich will, wie mein Vater damals, bei mir ein Blattsejour einrichten. Komm am Soundsovielten des Soundsovielten zu mir. Hast Du gute Blatter? Bring bitte welche mit.“ Ich verschuldete mich bei der Frau Blaser in Isny und beim Herrn Beer in Kempten auf bald ein Monatsgehalt meiner damaligen mageren Volontärsexistenz und kaufte, was es halt so zu kaufen gab. Denn an die heilige Blatterschachtel meiner Mutter, gefüllt mit feinen kleinen Pfeiferln, die mein Großvater für Weichselboden gebaut hatte, durfte ich damals noch lang nicht heran. Heut ruht sie in meiner Kommode und wird jedes Jahr zur Hohen Zeit ausgeführt und eingesetzt. Aber vom Jager Rosmer wusste ich, welche industriell gefertigten Blatter etwas taugten, und von denen kaufte ich mehrere. Wir probierten sie im Salon seines Hauses aus, und dass weder der Labrador „Wuffi“ noch Hans Caspar liebe Frau uns gebissen, gefressen oder ausquartiert haben, spricht für deren Leidensfähigkeit. Auf jeden Fall einten wir uns darauf, dass der „Buttolo Mundblatter“ am ehesten taugen würde.

Mit diesem Plastikinstrument, das trotz seines Materials wirklich eine erstaunlich guter Blatter ist, pfiffen wir das Revier kreuz und quer und auf „Zimperzamper“ zusammen. Will sagen; ich blattete in jeder Ecke. Hans Caspar, der sehr viel mehr von dieser Jagdart verstand als ich, saß daneben, grinste, rauchte sich eine türkische Zigarette an, lehnte sich zurück und amüsierte sich prächtig. Das Rehwild nahm weiträumig Reißaus, weil ich meine Arien in grauenhafter Dissonanz in den Wald plärrte. Irgendwann erbarmte sich dann doch ein uralter Rücksetzer, der wahrscheinlich reichlich taub war, meines unerträglichen Zeterns und stand zu – halb aus Neugier, halb aus Wut wegen der Ruhestörung. Er muss recht nah gekommen sein, denn mein Schussbuch weist einen „sauberen Blattschuss“ auf 90 Schritt aus und einen Bock, der im Feuer lag. Das war am „Hauser Anger“ unweit des Hauses meines Freundes. Ich war ungemein stolz, als der Bock um halb Sieben des Morgens da lag.

Und kaum war er aufgebrochen, kaum hatten wir gefrühstückt, fuhren wir gemeinsam nach München, verdreckt, verschwitzt und schweißbeschmiert, wie wir waren. Fuhren zum elegantesten Herrenausstatter der Landeshauptstadt, betraten den hochnoblen Laden vis-á-vis der Residenz und ließen uns hochnäsig bedienen. Das feine Personal rümpfte die Nasen ob unseres Aufzugs und wahrscheinlich auch ob der Witterung, die wir verströmten. Und je mehr sie rümpften, umso mehr ließen wir auffahren, probierten an, bemäkelten und ließen fallen. Irgendwann erstanden wir meinerseits eine Dose Schuhcreme, Hans Caspar kaufte ein Taschentuch. Bezahlt hatten wir per Karte, und auf jeder stand der volle Name abgedruckt. Es war ein schöner Moment, und die Gesichter des Kassapersonals noch schöner.

Übers Jahr lud mich Hans Caspar wieder zum Blatten ein, und diesmal waren mehrere Gäste da: Puschi Oe., Wolfi und Poldi B. Das war das erste echte und richtige Blattsejour, das Hans Caspar damals ausgerichtet hatte. Heute noch habe ich im Jagdbuch das Programm liegen, das jeder von uns auf dem Zimmer vorfand. Für den ersten Morgen war ich mit dem (damals noch) Forstwart Alex Dietz am Pfarrholz eingeteilt. „Da geht was Altes!“ – der Jagdherr hatte mir das ebenso angesagt wie der Pürschführer. Das „Alte“ kam dann auch brav heraus, mitten in den Schlag hinein. Stand, ohne dass ich einen Ton geblattet hatte, einfach da. Fiel auf gute 130 Meter im Feuer. War ein echter Dreistangler, auch wenn die dritte Stange nicht mehr war als eine Rose, die seitlich aus dem Stock kam. Sein Gwichtl stand lange Jahre auf meinem Schreibtisch, bis es irgendwann in Umzugswirren verloren ging – ich trauere ihm heute noch nach. Der Pfarrholzer Bock war der erste echte Abnorme, den ich hatte erlegen dürfen, und er ist Urvater einer Leidenschaft geworden: heute noch ist mir jeder noch so starke und medaillengezierte pfundschwere Sechser weniger wert wie ein verdrahter, verwachsener, heimlicher Kund, von dem niemand nicht wusste, der halt dann trotzdem kam und ging, weil es der rechte Moment war am rechten Tag und am rechten Fleck. Geschenke des Schicksals sind mehr wert als die wenigen Ehrenpreise, die man ihm abtrotzt.

Ein solches Schicksalsgeschenk kam dann im nächsten Jahr. Das war überhaupt eins ehr gutes Jahr, begann es doch mit einem kapitalen Muffelwidder, wiederum bei Hans Caspar. In den „Neujahrsmuffeln“ ist die Geschichte schon erzählt worden. Und es war das Blattsejour, bei dessen Ankunft ich besagten Widder – großherziges Geschenk meines Jagdherrn – als Vorschlag- und Deckenpräparat im Forsthaus vorfand, so über einen Biedermeierstuhl drapiert, dass es das Erste war, was ich sehen musste, als ich ins Zimmer kam.

Die Blatterei in diesem Jahr war schon eins größer angelegt als die letzte: Poldi B. war wieder da, dazu kamen noch Christian H., Moritz Oe. und Fritz N. Beim Abendessen sagte Hans Caspar seinen Gästen an, was sie die nächsten Tage erwarten würde: „Christian, wenn das morgen klappt, kommst Du mit einem sehr guten Bock aus der und der Ecke zurück. Der Moritz hat am zweiten Morgen die Chance auf einen ganz Kapitalen da hinten am Weißgottwashügel, und Fritzi, Dir kann eigentlich jeden Tag ein sehr guter Bock springen, so hab ich Dich eingeteilt.“ Großes Grinsen bei den solchermaßen Bedachten. Der Bertram löffelte seine Suppe. „Ach ja, der Bertram. Du schaust halt, was geht.“ Seit diesem Moment trägt einer der schweren Löffel des hauseigenen Wappensilbers eine klar erkenntliche Bisspur und mein Gebiss eine Prothese.

Am ersten Abend und in der nächsten der Früh ging nichts an meinen Ständen, auch wenn ich aus Leibeskräften am Windacher Schlag und in der Schrottenlaich pfiff. Womöglich war es der Leibeskraft auch zuviel. Anwesende Jagdgäste berichteten mir nachmalig, dass sie mein Blatten weniger gehört denn die Beobachtung mehrere Stücke Rehwild gemacht hätten, die das vom mir bejagte Waldstück auf der anderen Seite in panischer Flucht verließen. Ich verkroch mich nach dem Frühstück ins Bett, half mir nach dem Mittagessen einen doppelten Cognac aus dem Hause Pierre Boutinet ein und verschwand abermals in die Falle. Am Abend sollte ich mit dem inzwischen Forstwirtschaftsmeister Alex Dietz an der Blattkanzel im Dießener Einfang jagen.

Dieser „Einfang“ ist ein gutes Stück von Dießen am Ammersee weg, eher Buch zu und damit auf der anderen Seeseite gelegen. Die Blattkanzel stand an einer kleinen Waldwiese, die vielleicht einen halben Hektar groß war und extrem dicht verwachsen. Die Blatterei klappte dort ausnahmsgut: da sprangen mehrere Böcke, aber sie waren im dichten Kraut allenfalls an der Bewegung zu erkennen. So richtig sehen konnte man keinen davon, auch wenn hin und wieder für einen kleinen Sekundenbruchteil ein Fetzer roter Decke auftauchte. Nach der dritten blinden Annäherung fand der Herr Dietz jr., dass das so keinen Wert hätte und dass wir was anderes probieren müssten.

Normalerweise gibt Hans Caspar jedem Gast einen Ausweichstand, aber in dem Fall hatte er keinen vorgesehen. „Dann miaß ma halt zaubern!“ Die Zauberei bestand darin, dass Herr Dietz mich aus dem Wald hinaus an die Feldkante führte. Unten lief zum Seeufer hin die Landstraße, davor ein dichtes Maisfeld und bis zu dessen Rand waren es von unserem Fleck aus vielleicht 70 Schritt. „Da ruaf ma jetzt!“ „Da“ war eine kleine, spitz zulaufende Graszunge, danach kam etwas Wiese, dann Vorgewende, dann Mais. Keine ideale Gegend fürs Blatten, aber das wusste ich damals gottgedankt noch nicht. Ich gab einige schräge Rufe ab, dann wackelten schon die Maisstauden und rot kam es draus hervor – würde ich jetzt gern schreiben. Es war aber schon so abendzwielichtig, dass ich die Farbe mehr wusste denn sah. Im Glas sah ich nur, dass der Bock dicke, kurze und umgemein entstehende Stangen hatte. „Schiassn’S, bitt i gar schee!!“ keuchte mein Jagdführer. Der Bock stand breit, der Schuss brach, das Wild verschwand im Mais.

„Auweh Zwick!“ Ich hatte eigentlich „Waidmanns Heil!“ erwartet. Auf den Klageruf, den „Auweh Zwick!“ bezeichnet, war ich nicht vorbereitet. „Ja, und jetzt?“ – „Jetzt is schiach. Der Bock is krank, moa i. Der is so krummbuglert weg, das er woach is, moa i. Miaß ma morng schaung. Da wird da Herr Graf sauber grantln!“ (Kurze inhaltliche Transkription: der Pürschführer war der Ansicht, dass der Gast den Bock zu kurz getroffen und in die Weichen geschossen hätte, so zumindest wäre das Schusszeichen zu interpretieren. So oder so wäre nun eine Nachsuche indiziert, die aufgrund obwaltender nächtlicher Lichtknappheit erst nächsten Tages beginnen würde könne, worüber der Jagdherr unbetrachts des Endergebnisses im Grundsatz nur wenig erfreut sein würde).

Der Jagdherr grantelte nur mäßig, verdrehte ein wenig die Augen und sagte: “Ja, dann hat der Bertram halt keine Frühpürsch, sondern geht nachsuchen.“ Ich schlief in der Nacht nicht besonders gut, auch wenn die Hausfrau mich während des späten Abendessens sehr in Nähe einer Weinflasche hielt. Die Nachsuche am nächsten Morgen und in dessen erstem Licht dauerte keine Viertelstunde. Der Bock lag mit gutem Schuss zwei Reihen im Mais und war ein guter, alter dicker Rücksetzer, der noch heute an jener Wand hängt, die die Häupter meiner Lieben zieren. Dann und wann nehme ich ihn herunter, auch wenn das einiger Akrobatik bedarf (ich hänge historisch von oben nach unten). Die Blattzeit damals wurde eine der besten für viele Jahre. Innerhalb von 24 Stunden, gemessen von dem Schuss auf den alten Bock am Dießener Einfang fielen an den Bucher Krautgärten, im Rundhölzl, am Windacher Schlag und im Eichtal fünf weitere Böcke – alle waren alt und passend, alle kamen auf den Ruf gesprungen. So dicht gedrängt, so reich ist mir das davor nie gelungen und danach nur wohl selten. Ich habe – um ehrlich zu sein – nie richtig nachgesehen. Man will ein großes Schönes nicht durch Fakten kaputt machen.

Es hat nach diesem besonderen Jahr noch viele Blattereien bei Hans Caspar gegeben, und dazu einige ganz hervorragende Saujagden. Eine davon wird vielleicht in einem anderen Buch beschrieben werden, denn sie hat es verdient. Es hat einige schöne gemeinsame Pürschen bei mir in England gegeben und (leider nur) einen braven Bock für Hans Caspar dort. Es hat viele lustige, lachende, fröhliche Tage gegeben in seinem Haus, mit viel Musik, vielen guten Gesprächen, viel gutem Wein, viel reicher Zeit. Ich habe Hans Caspar und Sissi Kinder auf die Welt kommen und groß werden sehen, habe einige ihrer Hochzeiten mitfeiern dürfen und sehe heute ihre Kinder um meine Füße laufen – einige stehen auch schon auf beinah Augenhöhe. In all den Jahren hat es Momente der großen Nähe gegeben und auch Zeiten des Abstandes, gab es tiefes Verstehen und seichte Missverständnisse. Das Leben ist ein Auf und Ab. Aber was immer war, was immer sein wird: Ich weiß da einen Mann und seine Familie, und alle darf ich Freunde nennen. Das ist ein großer, leuchtender, wärmender Schatz.

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